Heute geht mir so viel durch den Kopf, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht damit:

Vor Jahren habe ich den Anfang von Metropolis I an einen Literaturdozenten geschickt, dessen Namen ich noch aus Zeiten unseres Literaturmagazins »freistil« kannte. Ich hatte ihn nie persönlich getroffen, aber weil die Literaturszene klein und unserer Projekt damals groß und bunt war, kannte er meine Namen noch und war so nett, sich den Text anzusehen. Er hat ihn gelesen, für gut befunden und trotzdem tagelang darüber nachgedacht, was dieses irgendetwas war, das ihn daran störte. Irgendwann schrieb er mir, dass es trotz der vielen sehr guten Aspekte irgendwie so wirkte, als ob ich mit angezogener Handbremse schrieb. Obwohl er es oft versucht hatte, konnte er es nicht besser in Worte fassen.

Darüber habe ich im Laufe der Jahre oft nachgedacht und gleichsam alles und absolut gar nichts über die Bedeutung des Ausspruchs gewusst.

Es war klar, worum es auch ging. Darum, sich mehr zuzutrauen, mehr man selbst zu sein, mehr aus dem Vollen zu schöpfen, das man in sich hat, ohne zu viel vorauszudenken. All das, was vermeintlich so klar und unstrittig ist, für mich Zeit Lebens aber oft unmöglich war. 

In den letzten Wochen habe ich wieder an den Satz gedacht und gefühlt, dass ich mittlerweile mehr davon verstehe, ohne immer noch in Bezug auf das Schreiben allzu viel dazu in Worte fassen zu können. Heute ist mir klar geworden, dass ich auch in den lichten Momenten vor ein paar Wochen nicht wirklich hätte benennen können, an welchem Gefährt ich die Handbremse eigentlich anziehen bzw. hätte lösen müssen. Im Grunde war mir nicht klar, ob es um ein Fahrrad, einen Traktor oder ein Rennauto ging. Verbunden mit all den Schwierigkeiten, die sich bei der Übersetzung der Bilder ergeben, denn es geht natürlich nicht um ein Rennauto. Auch nicht um so plakative Dinge, ob man für einen Markt schreibt und für welchen. Es geht um mehr, um die Feinheiten. Um das, was solchen Überlegungen vorausgeht, oder die Teile verbindet. Die Seele, das eigene. Etwas, das im innersten Kern mit einem selbst und der Art, wie man funktioniert, zu tun hat.

Was hat sich geändert?

Ich habe Ferien bekommen und anstatt in den Schreiburlaub gehen zu können, ging es im Zuge der passgenauen Kitaschließzeit erstmal um die Betreuung meines Sohnes. Das war schön und wichtig, hat aber auch etwas an mir gezerrt, weil ich das Gefühl hatte, bezüglich des Schreiben und meiner Entwicklung an einer Sache dranbleiben zu müssen. Das war insbesondere deswegen wichtig, weil ich Bedarf habe. Mein Job bringt mir nicht genug ein, um meine elementarsten Rechnung zu bezahlen. Es ist schon lange klar, dass es nicht so weiter gehen kann, ich musste etwas ändern und mich noch mehr anstrengen. Nur wie ich das genau schaffen konnte, war unklar.

Als die Tage kamen, an denen ich mich dieser Suche wieder hätte widmen können (und Randa sich um Alvar gekümmert hätte), bekamen wir spontan die Möglichkeit, ein paar Tage nach Usedom zu fahren. Das war super, aber wieder kam ich dem Ringen mit meinen Geistern nicht näher. 

Das Ende vom Lied? 

Urlaub mit der Familie sticht immer alles aus, wenn man so viel nebeneinander herlebt. Und schmeiß einen, der von der Küste kommt, in Salzwasser und lass ihn in den Wellen schwimmen, er wird sich immer erstaunlich lebendig fühlen danach. Und am Ende des Tages ist Lebendigkeit die einzige Währung, gerade für einen, der fast nicht mehr aus dem Hamsterrad herausgekommen ist.

Ich bin also nur punktuell zum Schreiben gekommen, habe aber trotzdem viel geschafft. Ich habe im Kopf den Schluss für mein aktuelles Buch zurechtgerückt und, ohne das zu planen, gleich den zweiten Teil ins Visier genommen. Auf einmal schwamm ich in der Ostsee und hatte zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder alle neun Teile der Reihe im Blick, die ich im Laufe der Zeit auf meiner Suche nach einem guten Startbuch ersonnen hatte. 

Oft habe ich darunter gelitten, dass ich so weit von einer Veröffentlichung bin und die ganze Schreibtätigkeit nicht einmal im Ansatz mit irgendeinem wirtschaftlichen Begehren mehr in Verbindung zu bringen ist. Ich habe geschrieben wie ein Wahnsinniger, auf jeder kleinen Insel der langen und müden Tage. Durch jeden kleinen Schlitz, den die Augen mir um 4.20 Uhr am Morgen ließen, bevor es keine Zeit mehr gab. Ich habe mich gedrängt, mir strategische Gedanken zu machen und mich dabei im Hamsterrad verlaufen. Das einzige, was ich noch konnte, war mich an dieses Buch zu klammern und es zu einem wirklich guten Buch zu machen, auf das ich abseits aller möglichen Formatgedanken stolz sein kann.

Ich musste glaube ich rudern, um auf Kurs zu kommen. Ich brauchte das aktuelle Buch als Startpunkt und musste dazu logischerweise ersteinmal schreiben. Ich musste rudern, irgendwie. Die Bälle fielen aber, ebenfalls nicht ganz ohne Logik, auf die richtigen Felder, als ich dazu gezwungen wurde, damit aufzuhören.

Die Handbremse loszulassen hat also sicherlich viel mit loslassen zu tun, aber eben auch mit Fahrt aufnehmen. Mit einem Gefährt, das man erschaffen muss. Mit vielen Dingen, die zusammen kommen müssen, um Momentum zu ermöglichen. 

Heute habe ich einen Versuch unternommen, meine älteste Pflanze zu retten. Meine Freundin hat sie mir am Anfang unsere Beziehung geschenkt, damit wenigstens etwas Leben in meine kleine Schreibwohnung mit den hohen Büchertürmen und dem ultrakomplexen oder gar nihilistischen Ordnungsprinzip kam. Ich habe ihr gesagt, dass ich auch die gefälligsten Kakteen besser umbringen könne als jede Wüste, aber sie hat (wie immer) an mich geglaubt. Am Anfang habe ich alles gegeben, um meinem selbst auferlegtem Stigma zu entsprechen. Da das Einblatt aber eine erstaunliches Pflänzchen ist, hat sie immer die Blätter gen Boden geneigt, wenn ich das Gießen zu arg vergessen hatte. Ein paar Stunden später war sie wieder wohlauf. 

Über die Monate sind wir ein gutes Team geworden und ich habe mir bald eine Pflanze nach der anderen gekauft. Eine zeitlang sah mein Zimmer aus wie ein Urwald, ich hatte ein Händchen für sie, sie mochten mich. Die erste Pflanze war die prächtigste von allen. Sie wurde groß wie ein eigener Urwald und zeugte davon, dass ich doch immer wieder über mich hinauswachsen kann.

Als Alvar Sylvester 2016 geboren und jeder Ablauf durcheinandergewirbelt wurde, ist irgendetwas mit mir und meinem Umfeld passiert, was mir erst die Pflanze komplett verdeutlichen konnte. 

Seit Wochen verkümmerte sie vor meinen Augen. Schon eine Weile gab es keinen anderen Schluss, als dass ich sie in atemlosen Monaten so achtlos viel gegossen hatte, dass die Wurzeln verfault sind und die Blume trotz Wasserüberangebot vor meine Augen verdurstete.

Ich hatte heute tausend Pläne, aber immer noch genug Meeresreife im Kopf. Ich wusste, dass ich mich erst darum kümmern musste. Ich habe sie also auf dem Balkon ausgegraben und gesehen, dass die Wurzeln in dem riesigen Topf bis ganz auf den Boden gereicht hatten, nun aber fast bis unter die Erdoberfläche abgefault waren.

Es war ein Sinnbild, das mich etwas umgehauen hat. Nicht ganz ohne Grund habe ich mich selbst darin gesehen. Wenn so ein kleiner Wurm in ein Leben tritt, dreht sich alles darum und es gibt erstaunliche Weisen, sich dabei mitsamt seines (alten) Lebens selbst zu verlieren. Irgendwie ist das passiert, was umso erstaunlicher ist, weil ich gewarnt war und auf mich achtgegeben habe. Ich kann gar nicht anders, als Schreiben und meine Sachen zu machen. Sie waren seit der frühen Jugend meine Kernstrategie, das Leben aushalten zu können. Ohne sie fühle ich mich buchstäblich wie ein Fisch auf dem Trockenen, der um Luft ringt. 

Irgendwie ging es darum, in Bewegung zu und damit oben zu bleiben. An der Wasseroberfläche, am Anschein von Kontrolle und Machbarkeit in diverse Richtungen. Offensichtlich habe ich es geschafft, dabei aber völlig den Grund verloren, mit allen Begleiterscheinungen für Beziehung und Nervenkostüm, denen man aber nicht die richtigen Ursachen zuordnen konnte. Ich habe um mich gekämpft und mich genau dabei verloren. Das trifft es auf den Kopf und stimmt doch nicht, denn auch das Verlieren war Teil des Findens. Ebenso wie ich mich im Buch verlieren musste, um irgendwann wieder den Weg zu sehen, musste ich wohl auch meine eigenen Wurzeln verfaulen lassen, um irgendwann wieder stehen zu können. 

Ich weiß nicht, ob das alles wirklich viel mit der oben großspurig anmoderierten Handbremse zu tun hat und damit, wie man sie löst. Noch immer kann ich ganz wenig dazu in Worte fassen, aber ich weiß, dass ich mich dem Verstehen wesentlich angenähert habe. 

Beim Schreiben wie beim Leben geht es um Innerlichkeit. Um die kleinen Dinge, um den Moment, in den mal mehr mal weniger Gedanken eingehen, aber auch um das große Ganze. Um zu viel oder zu wenig Wasser, um die Basis von allem Leben, die man nur eine Weile mit Füßen treten darf, um irgendwann wieder auf ihr stehen zu können. 

Erzwingen wollen führt zu Zwang. Sonne kommt durch Lücken, ich habe mir überhaupt keine Lücken gelassen, schon lange nicht mehr. Ich lehne mich jetzt etwas mehr zurück. Wahrscheinlich löst sich die Handbremse ohnehin von selbst, wenn man etwas mehr loslässt und verstanden hat, wie man trotzdem Fahrt aufnimmt. 

All das hat mit Mut zu tun. Mit dem Mut, über den ich beim letzten Mal schrieb. Den Mut, Fehler zu machen. Der zu sein, der man ist und dabei jemand anders zu werden. Da zu sein. Mit allen Schwächen, die man hat, so stark zu sein, wie man kann, ohne ausbrechen zu wollen. Loszusegeln. Selbst am Wind zu sein und die verdammte Resonanz zu vergessen, weil die immer abseits von einem selbst entsteht und es darum geht, in die Dynamik zum kommen. Die anderen sind egal und werden erst durch die eigene Innerlichkeit und die daraus gewonnen Achtsamkeit bedeutsam. Man kann und muss irgendwann die Scheißhandbremse lösen, weil man sich nur noch auf das Fahren konzentriert und nicht den imaginären Prüfer sieht im Heck und überall. Weil man nicht mehr voll ist mit sich, sondern endlich frei wird dafür.

Ahoi und bis bald!

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