Es gibt diese Stelle bei »Criminal Minds« in der Episode »Broken Mirrors«, an der der sympathische Seriengeek Officer Reid lesend so schnell mit dem Finger über die Seiten eines Buches gleitet, dass sein Gegenüber entgeistert fragt, ob er tatsächlich so schnell lesen könne. Er antwortet darauf, dass unser Bewusstsein 16 Bits Informationen verarbeiten könne, unser Unterbewusstsein dagegen 11 Millionen.

»And yes, I can actually read that fast.«

Bis vor einer Weile hätte ich das als die typische Genieverzerrung der surrealen Hollywood-Welt abgetan und nicht weiter beachtet. Und natürlich wird man im wahren Leben selten auf solche smarten und eloquenten Menschen wie Reid treffen, aber tatsächlich kann jeder viel schneller lesen, als er es selbst für möglich gehalten hätte. Das oben angeführte Missverhältnis zwischen bewussten und unbewussten Kapazität entspricht nicht illustrer Fiktion, sondern wissenschaftlichen Tatsachen.

Wir müssen also nur unser Unterbewusstsein die Information verarbeiten lassen und schon können wir so schnell lesen, wie die Genies in den Hollywood-Streifen?

Im Prinzip ja, jedenfalls von der Tendenz her. Das Problem ist aber komplexer. Jeder weiß, wie schwierig Einschlafen ist wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Auch wenn man noch so müde und mehr als bereit ist, das Staffelholz an die Bilderwelt des Unbewussten abzugeben, blockieren die Gedanken den Zugang dazu. Die Gedanken zu beruhigen und anderen Regionen die Führung zu überlassen, erinnert in dieser Form an den paradoxen Befehl »Sei spontan!«. Oder an den Versuch, sich selbst Angst ausreden zu wollen, in dem man das Irrationale daran zu markieren versucht und damit scheitern muss, weil die Angst sich um so etwas nicht schert. Je mehr wir die Ressourcen dieser potenten Regionen in uns bewusst aktivieren oder bekämpfen wollen, desto mehr verschließen sie sich oft unserem Dictum. Und wer sich den letzten Satz einmal genau anschaut, wird auch eine Ahnung bekommen, warum das so sein muss.

Es ist also nicht so leicht, die Macht und Kontrollwünsche des Bewusstseins zu lockern und dem Unterbewusstsein die Führung zu überlassen, in jeder Hinsicht. Es Bedarf einiger Übung, aber betrachten wir erstmal die Gründe, warum wir eine der Kernkompetenzen unserer Kultur so schlecht beherrschen:
Plakativ gesprochen ist der Grund darin zu sehen, dass wir noch lesen wie die Erstklässler. Wir lesen innerlich laut, weil wir es in der Grundschule so gelernt haben. Wir mussten dort buchstabieren und zur Kontrolle, dass wir dabei richtig vorgehen, laut vorlesen. Dabei sind wir im Prinzip all die Jahre geblieben. Wir buchstabieren uns mit der Lupe der bewussten Gedanken die Silben und Wörter zusammen und formen daraus langsam Sätze. Wir lesen uns in »Lippengeschwindigkeit« selbst vor, dabei gibt es in uns keine motorischen Apparat, der als Geschwindigkeitsbegrenzer fungiert. Wenn wir anders lesen lernen würden, könnten wir die digitalen Informationen erfassen und ganze Wortgruppen auf einem Blick verstehen und so quasi in Siebenmeilenstiefeln über die Seiten rennen, anstatt mit der Lupe darüberzuschleichen.

Visual

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht erklären, denn das Thema ist so wichtig, dass man sich eingehender damit beschäftigen sollte, wenn einem Lesen und Verstehen am Herzen liegt. Aus diesem Grund empfehle ich das Buch »Visual Reading« von Christian Grüning. Sein Buch ist anschaulich und anregend geschrieben und enthält alles Wissenswerte. Es lohnt sich auf jeden Fall, damit zu arbeiten.
Nur eine Sache noch für alle Skeptiker: Viele lesen vor dem Einschlafen im Bett, um müde zu werden. Aber warum ist das so, wenn lesen anregt und Bilder freisetzt?
Der Grund ist ganz einfach: Das Gehirn langweilt sich, weil nur ein Bruchteil der Kapazitäten des Gehirns benutzt wird. Beim Lesen schweifen die Gedanken umher, wir denken an den nächsten Tag etc. und werden dabei langsam schummrig. Wir sind nicht fokussiert, aber das ist normal. Denn wenn wir so lesen, wir wir es meistens tun, sind wir es ohnehin nicht oft dabei. Kennst Du das auch? Du verblätterst ein Buch und versuchst herauszufinden, an welcher Stelle Du warst und plötzlich kommen dir einige Passagen nicht bekannt vor, obwohl Du merkst, dass Du sie definitiv schon gelesen hast? Mir geht es jedenfalls so und ich habe mich immer sehr komisch dabei gefühlt. Bis ich gelernt habe, wie normal das ist und verstanden habe, was wir alle tun könnten und sollten, damit es anders wird.

We all can actually read (that) fast!

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