Vor einigen Tagen habe ich Cosimos erste Entwürfe zu der Figur des jungen und seherisch veranlagten Levy geposted. Der 17-jährige Levy geht jeden Morgen vor der Schule in die Halle der Whisperer, das zentrale Gebäude der neuen Berliner Republik, das nach der Großen Katastrophe an der Stelle des Stadtschlosses Unter den Linden errichtet wurde. In den Stimmen der Halle, die über Sensoren aus allen Bereich der noch bewohnbaren Republik in die Halle gespielt werden, sucht er nach Spuren seines verschwundenen Vaters und generell nach Resonanzen. Er ist süchtig nach dem Gemurmel des Stimmenchors, den farbigen Installationen der Seitenkapellen und dem, was der Ort mit ihm macht. Oft gerät er dabei in eine Art Trance, die ihn Dinge sehen und vorhersagen lässt, die noch in der Zukunft liegen.

Cosimo hat sich auf das Gesicht und die Innenansichten fokussiert:

Sketches von Levy und der Halle der Whisperer

Sketches von Levy und der Halle der Whisperer

Ich wollte bei diesem Bild aber mehr Stadt und Totale. Das Bild sollte nicht nur den Jungen und die Halle zeigen, sondern auch die moderne Normalstadt in der Totale.

Das ist der erste Schritt, den Cosimo in dieser Richtung unternommen hat:

Entwurf der Normalstadt mit der Halle der Whisperer in ihrer Mitte

Entwurf der Normalstadt mit der Halle der Whisperer in ihrer Mitte

Nur einen Tag später war er damit fertig. Damit ihr mehr über Levy und die Halle und das Zusammenspiel von Bild und Text erfahrt, poste ich heute Bild und das zugehörige Kapitel. Lasst mich gerne wissen, was ihr davon denkt …

II

1. Levy und die Halle der Whisperer

halle der W refined

Es war noch dunkel, als Levy die Spreepromenade an der Breiten Allee hinter sich ließ und die langen Stufen zur ›Halle der Wisperer‹ hochstieg. Die Kuppel des domartigen Gebäudes hob sich schemenhaft gegen den silbrig angelaufenen Horizont ab. Dahinter verlor sich der Regierungspalast mit seinen Türmen und Seitenkomplexen im Dämmerlicht des kalten Morgens.

Der Wind wehte ihm die blonden Strähnen aus der Stirn, als er an den hohen Säulen des Portals vorbei direkt auf die von CyCops bewachte Sicherheitsschleuse zusteuerte. In den Jahren nach der Großen Katastrophe, als die Maschinenpolizisten im Zuge von Söderbergs Notstandsverordnungen vermehrt auch auf den Straßen eingesetzt worden waren, hatten sie dem kleinen Levy schlimme Albträume beschert. Mittlerweile hatte er sich besser an ihren Anblick gewöhnt. Heute bereitete es ihm Mühe, die augenlosen Gestalten mit ihren Waffenarmen nicht bedrohlich zu finden. Ihre Körperhaltung wirkte aggressiver und wachsamer als sonst. Auch die Anzahl der CyCops war seltsam: Der Eingang wurde förmlich von ihnen flankiert. Selbst in der Halle standen in regelmäßigen Abständen Wachen, doch Levy störte sich nicht daran. Wie immer vergaß er alles um sich herum, sobald er in die Welt der Halle eingetaucht war und die Stimmen von allen Seiten auf ihn eindrangen.

Sie flüsterten, sangen, lachten, manchmal schrien sie gedämpft. Verzerrte Fetzen aus fernen Ländern mischten sich mit Straßeneckentratsch und trafen auf Kommentare aus 3-D-Logs und Amüsierwelten der AR-Enklaven. Auf Videostimmen aus längst vergangenen Zeiten, für die die digitalen Beerdigungsunternehmer kein Mandat erhalten hatten. Jubel und Gesänge aus den Stadien und Vorstadtarenen, das Schreien eines Kindes und vielstimmiges Lachen. Gebrochene Akkorde eines alten Klaviers, Beats aus den Tanzhallen der Stadt. Muezzin-Rufe aus den dunkleren Gassen des Märkischen Viertels und das Rauschen der Hooverbikes darüber, überlagert vom Hupen eines fliegenden Würstchenhändlers. Die Melodien des Exzesses aus den Kulissenvierteln auf der anderen Seite der Nacht. Das vereinzelte Heulen eines Gen-Wolfes vor den abgeriegelten Toren der Stadt.

Alles murmelte und sang durcheinander und lieferte die Basis für die Interaktion mit den Besuchern und die bunten Installationen in den Wandnischen und Seitenkapellen, in denen Farben und Bilder ineinanderflossen und nach einem ebenso rätselhaften wie ausgeklügelten Modus neue Muster und Figuren bildeten. Die Ahnung eines Gesichts, eines Lächelns, die abstrakte Illumination eines Wunsches, der die Zeit überdauernd in der weiten Säulenhalle rückkoppelte.

Woher die Stimmen im Einzelnen kamen, konnte man nur raten. Spekulation und Mythen wucherten im ganzen Land. Es gab ganze Zirkel und Sekten, die sich an Modellen und Erklärungsszenarien versuchten, aber all das blieb hilflose Folklore, die Futter für unzählige Netzformate und Talkshows bildete, nie jedoch Gewissheit erlangte. Ebenso wie die Halle das präsenteste Gebäude der postapokalyptischen Republik war, blieben deren Innereien ihr größtes und am besten gehütetes Geheimnis.

Trotzdem galt es inzwischen als bewiesen, dass DA auch Kanäle zu verlorenen Krisenregionen und den Außenkolonien aufrechterhielt. Söderberg schirmte alle Kader, die unmittelbar mit dem Algorithmus und der Bespielung der Halle zu tun hatten, hermetisch ab. Mittlerweile wurde es aber selbst von seriösen Experten für möglich gehalten, dass nicht nur das digitale Jenseits, sondern auch die realen Stimmen der Toten über die vielen Zwischenreichsensoren in den Kirchen, Kathedralen, Beichtstühlen und Grabmalen in der Halle Präsenz erlangten. Derlei Geschichten wurden von offizieller Seite niemals bestätigt, übten aber eine so große Faszination aus, dass die Regierung mit Unterstützung der Vatikanischen Weltvereinigungskirche eine Krypta tief unter dem Gebäude eingerichtet hatte, die ausschließlich von Zwischenreichsensoren gespeist wurde und in der man insbesondere mit den Stimmen der Verstorbenen in Kontakt treten konnte.

Nicht jeder glaubte, dass tatsächlich auch die Toten in die Halle wisperten, aber selbst diejenigen, die nicht daran glaubten, setzten gerne Gerüchte darüber in die Welt. Mit jeder neuen Geschichte wuchs die Bedeutung der Halle, die sich über die Jahre zum metaphysischen Objekt und Gegenstand einer neuen Religion entwickelt hatte. Zu einer gottgleichen Entität, die nie schlief und immer zuhörte, ganz gleich, wer zu ihr sprach. Die immer rechnete und unermüdlich lenkte, direkt aus den Gebeten der Menschen Gesetzesoptionen erschloss und sie mit dem Weltgeschehen harmonisierte. Mit den Stimmen der Vorfahren und dem Chor der Meinungen selbst in den entlegensten Teilen des Landes.

Wie durch den offiziellen Namen, ›Halle der Wisperer‹, ausgedrückt und von Söderberg erhofft, wurde die Halle bald nach ihrem Bau nur wenige Jahre nach der Großen Katastrophe zum Mittelpunkt einer tief verunsicherten Nation. Das Volk gedachte hier der Toten des Infernos, indem es sie noch einmal mit den Lebenden singen ließ. Verarbeitete das Unvorstellbare durch die verhallten Schreie und die sparsam rotierenden Bürgerkriegsschnipsel aus den Außenregionen an den Hallenwänden. Hatte Teil an einem gläsernen Staat, der unüberschaubar blieb, in diesem halligen Rund aber zur öffentlichen Sinfonie transformierte. Die Halle war das Orakel der postapokalyptischen Ära, das traditionsgetreu die Antworten den Besuchern überließ, aber über ihre Sensoren alle Stimmen aus den Haushalten und öffentlichen Plätzen sog. Oder sogar aus dem Reich der Toten, wenn man den Theorien über die Einspeisung der Krypta Glauben schenkte.

Levy hatte selbst viele Theorien zu der Komposition des geisterhaften Chores, aber er hatte nie besonders viel Interesse daran gezeigt, ihre Richtigkeit zu belegen. Er ging nicht hierher, um richtig oder falsch neu zu sortieren, sondern um Spuren seines Vaters zu suchen und auf bessere Weise allein zu sein. Irgendetwas passierte mit ihm, wenn er in der Halle war. Wie Der Algorithmus aus dem nationalen Gewirr der Stimmen Farben und Muster formte, sah Levy eigene Bilder. Meistens waren es nur Fetzen, die aus dem Gemurmel herausstachen. Schatten zogen vor seinen Augen hin und her, ab und zu blitzte ein Bild auf, und wenn er passende Stimmen fand, ergaben sich Szenen einer Geschichte, die er verlor und in anderen Bereichen der Halle wiederfand.

Jeden Tag vor der Schule ging Levy in die Halle und ließ sich von den Stimmen berieseln, folgte ihren Gesängen und bekam irgendwann sogar das Gefühl, dass sie auf ihn warteten; dass sie ihm etwas erzählen wollten. Immer häufiger fand er Zusammenhänge, erahnte den Fortgang einzelner Sequenzen und wusste, welchen Stimmen er folgen musste, um mehr zu erfahren. Nach einer Weile schienen sie ihn förmlich zu locken und immer öfter, wenn aus einzelnen Bildern Episoden wurden, wurde in ihm eine Saite angeschlagen, die weitere Bilder hervorrief. Eine besondere Verbindung schien dann zwischen ihm und den Stimmen zu entstehen.

Er sah Episoden von lebenden und längst verstorbenen Menschen, die lebendig wie eine eigene Erinnerung in der Halle aufblitzten. Hochzeiten und Urlaubsmomente, Sporttriumphe und Niederlagen. Die Band an der Straßenecke, beobachtet aus den Augen eines Kindes. Verzweifelte Monologe auf verlassenen Meerpromenaden, Alltagsimpressionen fremder Menschen, deren Leben sich in diesen Momenten kurz in ihn hinein bohrten und ihn zum Mitwisser machten. Meistens sah er Alltägliches, manchmal aber zu seinem Erschrecken aber auch den Moment, in dem aus dem andauernden Leben gewaltsam ein vergangenes wurde. Und auch bei diesen Episoden wusste er mittlerweile, dass es sich zumeist um reale Verbrechen handelte, obwohl er am Anfang darin eine Art Überlastungsreaktion seines Gehirns gesehen hatte.

So etwas geschah nicht oft, aber jedes Mal war eines zu viel. Nach jedem gewaltsamen Tod, bei dem er ungefragt Zeuge wurde, blieb er der Halle einige Tage fern und nach der einen Sache damals mit der Frau des boxenden Polizisten sogar mehrere Wochen. Immer wieder hatte er sie auf dem Pflaster des Görlitzer Ufers liegen sehen. Immer wieder hatte er das Lachen der anderen gehört, das erstorben war, als sie gemerkt hatten, dass etwas nicht stimmte. Nächtelang hatte er nicht schlafen können, hatte sich eingeredet, dass es wenigstens dieses eine Mal nur Einbildung gewesen sei, doch bald darauf, als der Polizist Castorf, begleitet von allen Medien des Landes, suspendiert wurde, las er von seiner Frau mit der Bluterkrankheit, die am Landwehrkanal ermordet worden war.

Danach ging Levy nicht mehr in die Krypta. Er ertrug diese Bilder nicht, und manchmal spürte er schon im Voraus, dass auch oben etwas Böses durch die Halle strich. Das half ihm, weitere Schrecken zu vermeiden oder wenigstens auf sie vorbereitet zu sein, doch heute trafen ihn die Bilder des Gekreuzigten völlig unvermittelt. Erst hörte er nur die Stimme des alten Politikers an der Sektorgrenze. Einzelne Worte, die keinen Sinn ergaben und von den Kellerwänden gedämpft wurden, dann aber in vielen Teilen der Halle wiederkehrten. Etwas Bedeutsames lag in der Stimme, das er nicht sofort als Angst erkannte. Er hätte sofort wieder gehen sollen, setzte sich stattdessen aber wie fremdgesteuert an eine der Säulen und schrieb die Assoziationen auf. Sah die Mauerberliner Kirchenruine, die Dunkelheit, den Schmerz in dem Gesicht des Mannes. Die Nägel in Händen und Beinen. Die Finsternis einer Nacht, in der der Politiker im teuren Anzug, umlodert von Flammen, mit einem letzten Schrei sein Leben aushauchte.

Tränen stiegen in Levy auf, vergeblich versuchte er aufzuhören. Irgendwann, als der schlaffe Körper leblos und von Wunden übersät über den Feuern hing, warf er den Stift weg und presste die Hand auf den Mund. Zwei der CyCops drehten sich in seine Richtung und behielten ihn im Visier, als er mit zitternden Händen den Stift auf dem Boden suchte und schwer atmend Richtung Ausgang schlich.

Levy wusste, dass die Halle einen Rückkanal hatte, sie somit auch als Feedback-Instrument diente, mit der DA seine Entscheidungen und Selektionen überprüfte. Jeder Mensch, der in die Halle ging, beeinflusste den Prozess und stand unter Beobachtung, doch das war ihm nun egal. Er war nur ein Junge, der mit etwas Schrecklichem konfrontiert worden war. Etwas, das wahrscheinlich nur von seiner eigenen Fantasie produziert worden war. Das versuchte er sich wenigstens einzureden, während er um Atem ringend ins Freie drängte.

Auch die CyCops draußen scannten ihn, als er über die Empore auf die Sicherheitsschleuse zusteuerte, aber keiner der Roboter stellte sich ihm in den Weg. Er trat auf die langen Stufen und sank am Rand der Treppe nieder. Einen Moment lang sah er über den Fluss und die im Morgendunst schlafend wirkende Stadt. Das Licht der roten Sonne, das in dem weich gezeichneten Netz hängen blieb, das der Nebel um die Häuser spannte.

Von hier draußen wirkte all das Gesehene wie ein böser Traum, doch die Unruhe blieb. Levy stieg die Stufen hinunter und ging auf die Bushaltestelle an der Allee zu. Wie immer warteten zu dieser frühen Stunde nur wenige Leute, und als das BVG-Nachrichten-Holo mit der Eilmeldung vor dem Wartehäuschen anging, drehte sich kaum einer von ihnen um.

Widerwillig wandte Levy seinen Blick, obwohl er ahnte, was er zu sehen bekommen würde. Er widerstand dem Fluchtimpuls, sah in das Gesicht des Mannes und erkannte mit Schrecken, dass seine Vermutung richtig gewesen war. An dem Kreuz an der Sektorengrenze von Mauerberlin hing tatsächlich Elisas Vater. Mit Foltermalen unter dem zerrissenen Anzug, Leichenblässe im entsetzlich entstellten Gesicht.

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