Hye Jin hat gleich noch einmal nachgelegt, und nun können wir auch diese Akte schließen. Damit ihr mal wieder etwas von der Geschichte zu lesen bekommt, poste ich heute das Bild und das dazugehörige Kapitel. Es ist ein langsamer Einstieg in den ersten großen Showdown. Ich hoffe, ihr findet trotzdem gut hinein …

6. MV_05_03

III.

1. Vasquez und der Cognac

Tag 4

21.13 Uhr,

Transitstrecke zum MV

Märkisches Viertel

Wie eine dunkle Armee im Wind wogender Zweige umlagerte der Wilde Wald den Bahndamm. Vasquez meinte im Unterholz jenseits der Schienen die hungrigen Augen der Genwölfe zu sehen, aber wahrscheinlich war er nur betrunken.

Noch eine Weile hatte er in der Schwarzen Rose gesessen. Er hatte den Avancen der Mädchen getrotzt und irgendwann wider jede Vernunft bei Benno Sack über eine Dienstleitung einen Passierschein fürs MV und Karten für das Konzert von Frucht-Helene erbeten. Seit langem gab es Gerüchte, dass Helene damals Gefallen am ehemaligen Gladiatoren Lukas Cranach gefunden hatte. Vasquez hatte fröhlich lallend das Interesse der Presse an so einer Geschichte herausgearbeitet, aber Sack war zu sehr in Eile gewesen, um die Anspielung zu verstehen. Vasquez` Pegel hatte er allerdings bemerkt und es so sehr mit der Angst bekommen, dass er ihm alles sofort bewilligte, wenn er nur unverzüglich auflegte.

Bei einem weiteren Cognac ließ es sich Vasquez danach auf der Zunge zergehen, dass er allen Ernstes zwei Karten bestellt hatte.[ nng Eigentlich hatte er bei der Aktion nicht an Ada gedacht. ] Dabei wollte er noch nicht einmal in den Tanzenden Drachen, um Ada zu verführen, sondern um das verschleppte Mädchen zu retten. Er war betrunken genug, sich jedwede Heldentat zuzutrauen, auch wenn er keinen praktischen Ansatz hatte, wie er das Mädchen finden sollte. Vom Suff katalysiert war er entschlossen, entschlossen zu sein und brauchte doch eine Weile, um seinem eigenen Aktionismus zu folgen. Nach einem weiteren Cognac erreichte er Ada auf dem Revier und fragte sie, ob sie Lust auf einen Ausflug ins MV hatte. Sie willigte ein, meinte aber, dass sie ihn vor Ort treffe. Vasquez verwendete keine Energie auf die Frage, woher sie die Passierscheine fürs Viertel hatte. Sie war eben ein komisches Mädchen. Zu komisch, um sich für sie zum Affen zu machen und zu hübsch, um es bleiben zu lassen.

Während der Zug den Todesstreifen passierte, fuhren zu beiden Seiten Panzer auf, als hätten sie in einer Nacht wie dieser nichts besseres zu tun, als ihre Schützenrohre in der Dunkelheit auf vorbeifahrende Züge zu richten oder auf fliehende Rehe zu ballern, die sie für Grenzverletzer hielten oder welche waren. Jedenfalls war sich Vasquez bei genauer Überlegung nicht mehr so sicher, ob es tatsächlich Rehe waren, die am Grenzzaun in ungesunder Regelmäßigkeit zu Brei geschossen wurden.

Die Himmelshäuser rückten immer näher und als der Zug an den Fabriken der Randzonen vorbeidonnerte, dachte Vasquez daran, dass Gerster nun auch tot war. Auch er war dem Beispiel Luschkows und Adolfs und all der anderen gefolgt und hatte sich als sterblich erwiesen. Und noch immer machte niemand Anstalten, dem alten Manni Vasquez nach dem Leben zu trachten. Vasquez dachte an die Angst in Sacks Augen. An die Verfolger, die selbst der Sicherheitspolizist mittlerweile überall zu sehen meinte und die ihn in das verhasste Kutscherlivree zwangen. Vasquez hatte es nach seiner Verbannung in die Viertel oft bereut, nichts aus seinem Leben gemacht zu haben, gewöhnte sich aber an den Gedanken, dass es eben diese Bedeutungslosigkeit war, die ihm nun das Leben rettete.

Am Grenzbahnhof stieg er in ein Taxi und sah auf die verrückte Stadt. Die breite Allee, auf der alle Autos kreuz und quer schossen. Die dunklen Motorräder und Jeeps der Söldner an den Kreuzungen. Die anderen majestätischen Schneisen, die quer dazu ins Häusermeer geschlagen worden waren und weiteren Verkehr auf die Allee entluden. Vasquez dachte daran, dass er Dana seit dem Varietéabend nicht mehr angerufen hatte und dass sie ihm die Augen auskratzen würde, wenn sie wüsste, dass er zu Helene fuhr. Auf eine seltsame Art vermisste er sie. Vielleicht weil sie immer beide Seiten an ihm gesehen hatte. Oder weil sie ihn tatsächlich liebte, obwohl er so ein schillerndes Desaster war.

Die Straßen wurden dunkler, als das Taxi sich dem Tanzenden Drachen näherte. Fast wirkte es so, als ob die anderen Himmelsriesen Abstand hielten. Als wollten sie mit all dem nichts zu tun haben, was hier Nacht für Nacht das Amüsiervolk aus aller Welt anlockte.

Vasquez stieg aus dem Taxi und sah an dem Gebäude hoch. In schwindelerregender Höhe verwuchs es mit der Schwärze des Nachthimmels. Auf einmal war er froh, dass er Ada eingeladen hatte. Das riesige Gebäude zeigte ihm in aller Deutlichkeit die Unmöglichkeit seines Planes. Ohne einen weiteren Hinweis hatte er nicht den Hauch einer Chance, das Mädchen zu finden. Vielleicht konnte Adas Energie ihm dazu verhelfen, irgendeine Eingebung zu bekommen, die sich in Zählbares ummünzen ließ. Er war immer noch betrunken genug, um in dieser Hinsicht alles für möglich zu halten.

Um etwas auszunüchtern schlenderte Vasquez durch die Halle und merkte an den Countern, dass Sack tatsächlich zwei Karten für ihn aktiviert hatte. Nach einem Glas biostellaren Wassers an einer der vielen Seitentheken stieg er zu der Konzerthalle hinab. Er blickte auf die zahllosen schon gut gefüllten Reihen herab und überlegte, wie er Ada finden konnte. Eine Weile gab er sich der Resignation hin, dann reifte in seinem noch von Cognac umnebelten Gehirn die Erkenntnis heran, dass sie Platzkarten hatten.

Er fand Ada auf dem Gang, aufgekratzt und mit vor Aufregung glühenden Wangen. Übermütig drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und führte zu den Plätzen. Er hätte sich wahrscheinlich freuen sollen, aber die Berührung ihrer Hand versetzte ihm einen Stich. Er hatte das Gefühl, benutzt zu werden. Plötzlich kam es ihm so vor, als würde er eine Rolle in einem Spiel einnehmen, das er nicht einmal im Ansatz durchschaute. Dabei hatte er gedacht, dass er die Person mit den zwei Gesichtern war.

 

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