Bodensatz

In Deutschland brennen wieder Häuser und Zufluchtsstätten von Minderheiten. Ehrlich gesagt warte ich immer noch, aus einem ganz bösen Traum aufzuwachen, aber es scheint real zu sein. Jahrelang habe ich solche Aggression und solches Gedankengut als schlimm aber nebensächlich eingestuft. So etwas war in meinem Umfeld nie sichtbar und ich bin bei der Meinung geblieben, dass ein Kippen der Stimmung in braune Salonfähigkeit »bei uns« unmöglich ist. Wahrscheinlich hat die unsägliche Pegida mich schon eines Besseren belehren sollen. Das Schreien des Mobs in Dresden war beängstigend und ekelerregend, trotzdem konnte ich trotz Sarazzin und dem ganzen Unfug da noch denken, dass diese Prgida-Hysterie eine Welle war, die vorüberschappen würde. Die Bilder des verrohten Nazis, die direkt vor der Kanzlerlimousine pöbelnde Präsenz zeigen, sprechen nun eine deutliche Sprache. Die Anzahl der Vorfälle ebenfalls.

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Heute habe ich auf Spiegel online einen Artikel über die Jugend in Sachsen gelesen und musste an meine eigene Jugend denken. Sachsen hat spätestens seit den jüngsten Vorfällen Sonderstatus und ich glaube, dass die Situation in den neuen Bundesländern tatsächlich speziell ist. Trotzdem kannte ich fast alles, was die Autorin schildert aus eigener Erfahrung, obwohl ich in einer unbedenklichen norddeutschen Kleinstadt aufgewachsen bin.

Auch wir hatten Dorfnazis, die uns gejagt haben. Sie waren ein absolutes Randphänomen, aber sie waren ungemein präsent, schließlich hatten sie als Angehörige der deutschen Herrenrasse weder einen Job noch Grips. Sie hatten Zeit, den ganzen Tag auf dem Marktplatz, an der sogenannten »Steinkante«, herumzustehen und vermeintliche linke Zecken und Ausländer anzupöbeln. Es gab auch in Preetz sicherlich viele besorgte Bürger, aber ehrlich gesagt kann ich mir keinen davon in einem Mob vorstellen, der sich vor die Kanzlerin stellt und ihr stolz entgegenbrüllt, dass sie »Pack« sein. Ganz und gar nicht. Wertekorsette lassen Schlupflöcher, aber nicht solche Krater. Natürlich haben alle ein wenig weggeschaut, was sollte man auch machen gegen Leute, die zu viel Zeit hatten und an Orten herumstanden, wo sie viele Leute sahen und sie von vielen Leuten gesehen wurden. Leuten mit weißen Schnürsenkeln den Marktplatz zu verbieten, verträgt sich nicht gut mit den Grundsätzen einer Demokratie.

Natürlich gab es auch Übergriffe und damit kommen wir zum Kernpunkt. Den wir jungen »Linken« haben nicht weggeschaut. Wir konnten es auch nicht, denn wir wurden von den feinen Fettsäcken in Bomberjacken gejagt. Es gab alles von harmlosen Jagden, Demütigungen, über schlimme Prügel zu Messerattacken und Pistolen an jugendlichen Schläfen. Es war erschreckend und absolut frustrierend, wie die deutsche Justiz auf so etwas reagierte. Einmal musste einer der schlimmeren wegen 21 gesammelter Anzeigen vor Gericht erscheinen. Zum Teil hatten ihn auch einige seiner rechten Brüder anonym angezeigt, da er im Suff die Gaswumme in ihre Richtung entladen hatte. Auch unter meinen Freunden gab es Geschädigte und wir freuten uns auf eine angemessene Strafe. Die kam aber nicht. Weil der Kollege meistenteils (immer) berunken war, bekam er ein paar Sozialstunden und der Spuk ging noch schlimmer und höhnischer weiter.

Es waren nur eine Handvoll Leute, aber sie haben die Stimmung in der Kleinstadt stark beeinflusst (meistenteils aber natürlich zu ihren Ungunsten). Es änderte sich erst etwas, als zwei der ganz schlimmen Burschen im Knast landeten. Das hat erstaunlich stark geholfen. Die Gruppe wurde fortan mutloser und war nicht mehr oft zu sehen. Ein paar starben an Heroin (tatsächlich!) und einige haben vielleicht sogar einen Job bekommen. Jedenfalls ging es nach jahrelanger Schikane ganz schnell, als es endlich mal ernsthafte Konsequenzen gab.

Wenn ich daran denke, dass in Heidenau nur ein Journalist verhaftet wurde und lächerliche 170 Polizisten zugeschaut haben, wie Idioten die Grundsätze unserer Verfassung wegbrüllen, dann werde ich wütend. Andererseits denke ich, es könnte so einfach sein. In Sachsen braucht man sicherlich sehr viel mehr Gefängniszellen, aber das sollte nicht das Problem sein.

Das war mal etwas zum Thema Politik. Da es hier primär um Literatur geht, poste ich ein Kapitel aus meinem Erstling »Treibholz Engel«, der gleich im ersten Kapitel auf die Dorfnazis eingeht.

 

Treibholz Engel_Cover

 

Letzte Tage des Sommers

1.

Meine Schule lag am äußersten Zipfel der Ortschaft, nur durch eine Straße vom Park am Fluss, dem Wehrberg, getrennt. Das pittoresk von Schilf und Feldern flankierte Rinnsal floss durch den ortsnahen Kirchsee an der alten Jokisch-Konservenfabrik direkt am Park vorbei und mündete nur wenige hundert Meter vom Park entfernt in den größeren, von Feldern, Galloway-Weiden und Waldstücken umgebenen Lanker See.

Der Lanker war ein sehr provinzielles Gewässer, flach und schlammig. Der Umstand, dass immer mal wieder Jugendliche auf dem Rückweg von den Inseln ertranken, lag am Grad der Trunkenheit der Schwimmer und dem Umstand, dass es meistens Nacht und demgemäß stockfinster war, wenn man zu den für Badegäste und juvenile Suffköppe gesperrten Naturschutzinseln schwamm. Trotzdem war der Lanker aus Kinderaugen betrachtet ein ehrfurchteinflößendes Gewässer, auf dem hinter den Möweninseln eine von Windwellen zerfurchte See begann. Ein Fabelmeer, in dem ich umso mehr alles für denkbar hielt, als man vom Ufer aus nicht das geringste hinter den Inseln erkennen konnte. Nicht einmal Wasser.

Da der dichte Bewuchs des flussnahen Wehrbergs von der Schule aus keinen Einblick auf die sich zum See herab wellenden Wiese in seiner Mitte zuließ, verbrachten wir viele unserer Freistunden und Wochenenden dort. Zwischen dem Gefallenendenkmal der Weltkriege auf dem kleinen Hügel und dem Seeufer lag ein halb verfallener Pavillon, den wie liebevoll „Tempel“ nannten und als Refugium okkupierten. Auf dem reichlich beschnitzten Geländer sitzend verbummelten wir saufend und träumend unsere Nachmittage. Auf seinem Dach versteckten wir uns vor der Horde rechter Idioten, wenn sie dem Wehrberg einen ihrer ungeliebten Besuche abstatteten und uns zu jagen begannen.

Der Anlass für diese Jagd begründete sich hauptsächlich darin, dass kaum einer von ihnen für sein Leben eine Perspektive sah. Sie waren zwischen 20 und 30, arbeitslos, teilweise drogensüchtig und gelangweilt. Außerdem besuchten wir allesamt das Gymnasium, und das wies uns in den Augen dieser schweren Kerls eindeutig als linksradikale Intellektuelle aus. Keiner von ihnen, mit Ausnahme ihres Anführers, konnte sortiert artikulieren, warum sie sich rechtsradikal nannten und worin die Eckpunkte ihrer politischen Gesinnung bestanden. Der ganze Umfang ihrer politischen Bildung basierte auf den beiden Weisheiten, dass die Türken ihnen die Arbeitsplätze wegnahmen und dass Adolf Hitler ein Vorbild sei.

Obwohl die meisten von uns diese Orte mieden, kannten wir viele der Dorfnazis aus dem örtlichen Jugendclub. Anfangs haben wir bei ihren Besuchen noch die Konfrontation gesucht. Bei einem dieser Versuche habe ich den stumpf und finster zuhörenden Störenfrieden erklärt, dass Betriebe wie HDW und die Wirtschaft allgemein sofort zusammenbrächen, wenn man wirklich die Türken außer Landes jagte. Daraufhin hatte sich einer mit seiner halslosen Ringerstatue genähert, mir den Arm auf die Schulter gelegt und auf den Lanker See gezeigt. Von der Flussmündung aus erstreckte sich zur Linken das von Schilf bewachsene Ufer des Lanker Sees. Am rechten Ufer umrahmten Waldstücke die Badestelle und die alte Fischerei, und in der Mitte des Sees lagen hinter Seerosengürteln, umflogen von riesigen Möwenschwärmen, die beiden Naturschutzinseln.

„Das sieht doch alles schön aus“, begann der Halslose mit bedeutsamer und grotesk gönnerischer Miene. Er schien sich in diesem Moment wirklich auf Verbrüderungskurs zu befinden, da er ansonsten nur mit finsterem Gesichtsausdruck drohend in der Ecke stand.

„Jetzt stell dir einmal vor, da würden auf den Inseln jetzt so Hochhäuser und Asylantenheime gebaut werden und die Türken würden auf den Dächern tanzen. Würdest du dann nicht auch mit uns sein?“

Er sah Jona triumphierend in die Augen und wartete unter dem zustimmenden Nicken seiner Kumpels auf Jonas Kapitulation, da ihm seine Argumentation einfach unwiderlegbar und dabei ungemein entlarvend vorkam. Irgendwie lag er damit sogar verdammt richtig, da Jona soviel Dummheit nichts entgegenzusetzen hatte. Seit diesem Tag hatte er nie wieder einen Versuch unternommen, mit den selbsternannten „White Devils“ zu reden. Auch die anderen kletterten lieber schnell auf das Dach des Pavillons, wenn sie auftauchten, da jeder Einzelne der fast durchgehend übergewichtigen „Teufel“ zu viele Pfunde in seinem fetten Wanst unter der modischen Schneetarnjacke verbarg, als dass sie dort hätten hochklettern können.

 

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