In der letzten Zeit ist es fast normal geworden, nach 12 Stunden Druck und ohne wirkliche Pausen beim »Brotjob« nach Hause zu kommen und trotzdem noch an dem Buch zu arbeiten. Meistens gelingt das leidlich, manchmal merkt man, dass die Badewanne die einzige verbleibende Option ist. Man steht morgens früher auf und versucht, aufzuholen und auch das gelingt, aber nie genug. Pausen fehlen nahezu komplett, auch für die sich permanente anschleichende Krankheit fehlt die Zeit, trotzdem lässt sie nicht locker. Tempo und Kreativität werden schwieriger, wenn die Kraft unterwandert wird. Man zweifelt. Fragt sich, wie man so ein großes Projekt auf diese Weise zum Erfolg führen soll. Man denkt über den radikalen Bruch nach, kann aber nicht vergessen, dass Geld weiterhin benötigt wird. In nicht unwesentlichem Maße auch für das Projekt selbst.

Und machmal erwacht man nach einem Krisenvortag und sieht ein neues Bild von Cosimo und ist auf einmal wieder nur noch auf dem Weg. Man fühlt und weiß, dass alles gut wird. Dass man ganz sicher bessere Entscheidungen treffen und Dinge verändern muss, aber die schlechteren Entscheidungen hinter einem liegen. Vor einem liegt das spannende und verheißungsvolle. Der Lohn für die Doppelbelastung. Der Traum, Bücher zu veröffentlichen, der auf einmal nicht nur real, sondern nah und greifbar ist. Gestaltbar. Selbstgewählt und profitträchtig auf jeder denkbaren Ebene. Teil einer Lebensqualität, der man bessere Türen öffnen muss und kann.

In diesem Sinne poste ich heute das fertige Gemälde vom jungen Kanzler Söderberg und dem Mafiapaten und  Generalunternehmer der Kulissenviertel Luschkow samt dazugehörigem Kapitel. Dazu verspreche ich, dass der Metropolis-Zug ab jetzt noch mehr Fahrt aufnehmen und zielstrebig die Veröffentlichung anvisieren wird.

¡por el futuro!

padrino+++councelor

III.

1. Der Pate

Ort: Frankfurter Allee, Normalstadt

Im Visier des Luschkow-Nets (von DA zurückgehackt): Valentin Luschkow

Emo-Situation: Trotz 1,8 Promille angespannt

Verwicklung in die Verbreitung der neuen Droge: möglich bis unwahrscheinlich

Wahrscheinlichere Drahtzieher (Alternativziel): Sohn Adam Luschkow

Aufenthaltsort des Alternativziels: unbekannt

Die Nacht senkte sich schon über die Stadt, als Luschkows Limousine die Frankfurter Allee entlangfuhr. Der Fernsehturm in der Flucht der sechsspurigen Prachtstraße stach Feuer umbrandet in die tiefhängenden Wolken, zwischen den Glaspalästen gleißten die letzten Sonnenstrahlen, doch in der hinter ihm liegenden Stadt regierte schon die Finsternis. Jene Art Finsternis, deren Regeln er seit Jahren diktierte und überwachte und die ihm in dieser Nacht dennoch Rätsel aufgaben.

Ein wenig faszinierte Valentin Luschkow dieser Kontrollverlust sogar. Er hätte ihn als notwendige Herausforderung und als Chance angenommen, um in dieser Hinsicht im Training zu bleiben, wenn er nicht komplett zur Unzeit gekommen wäre. Die Stadt befand sich im Wahlkampf und der Kanzler hatte schon in den Wochen zuvor eher selbstgerechte Lustlosigkeit als Siegesgewissheit ausgestrahlt. Nach den Ereignissen der letzten Nacht war Söderberg komplett in der Versenkung verschwunden. In einem kurzen Kommuniqué hatte er seinen Mitstreitern in schlichten Worten ausrichten lassen, dass wichtigere Dinge als Wahlkampf auf ihn warteten und die Wahl ohnehin nicht mehr verloren werden könnte. Er selbst sei bis auf Weiteres nicht zu erreichen.

Man konnte dem Kanzler die Logik dieser Haltung kaum verübeln. Söderberg hatte die Stadt in einen Taumel gefeiert und im Schatten der schrillen Party dezent, aber gründlich alles Unkraut gejätet, das ihm hätte gefährlich werden können. Sein Klima des unsichtbaren, aber omnipräsenten Terrors hatte jede ernst zu nehmende Opposition in Normalberlin erstickt. Revoluzzer gingen auf lange Reisen in die Außenkolonie oder wurden nach Mauerberlin verfrachtet, wo sie wie Zootiere gehalten wurden und bei jeder entdeckten Grenzüberschreitung ohne ein weiteres Wort ins Märkischen Viertel oder schlimmeren Regionen verschwanden.

So waren einige der Probleme in die Kulissenviertel verlagert worden, schufen dort aber einen kreativen Nährboden, der als Show inszeniert und somit touristisch nutzbar gemacht werden konnte. Nicht wenige hatten sie bei der Planung der Viertel vor der Zweitnutzung subversiver Kräfte als Kulissenelemente gewarnt, aber Luschkow hatte keine Angst vor dem Widerstand. Im Gegenteil, in der Anfangszeit hatte er ihn sogar gestärkt und radikalisiert, weil er ihm zu harmlos war für seine Version eines subversiven Inselberlins. Das Protokoll der Kulissenviertel forderte eine lebendige und gefährliche Subkultur. Einigen Strömungen wurde Freiraum und Präsentationsfläche angeboten. Trotzdem musste man als Mauerberliner bescheuert oder lebensmüde sein, wenn man den angebotenen Freiheitskorridor missverstand und abseits der ungeschriebenen Verhaltensrichtlinien politisch übermütig wurde.

Nur in den unüberschaubaren Schatten des MV gärte ein nicht zu unterschätzendes Gewaltpotenzial. Nahezu jede Nacht sprachen dort die Waffen, doch auch das erfüllte seinen Sinn und wurde in gewissem Umfang geduldet. Schließlich diskutierte niemand über die Aufhebung der MV-Sonderverordnungen, wenn in regelmäßigen Abständen Bomben die weiten Straßenzüge erschütterten und Maschinengewehrfeuer die nachts ausgestorbenen Hinterhöfe belebte.

Die Wenigsten stellten die Gesetze des Viertels infrage, wenn so schnell Konsequenzen drohten und jeder, der auffiel, gefährlich lebte. Auch in der Normalstadt erfüllten diese Untergrundkriege ihren Zweck. Niemand wagte es, Anordnungen zu hinterfragen, die die Staatsmacht unter Zuhilfenahme der Söldnerheere zur Beherrschung des Chaos erließ, wenn nur die Bomben auf der anderen Seite des Zaunes blieben und die Produktion weiterlief. Zudem stellte niemand in der Normalstadt die falschen Fragen, wenn er dadurch riskierte, auf der anderen Seite des Zaunes zu landen.

Glanz und Angst ergaben in der Normalstadt eine höchst erfreuliche Mischung, die über die Jahre eine immer selbstverständlichere Dynamik bekommen hatten. Auch bei dieser Wahl hatte es kein gewichtiger Kandidat gewagt, gegen Söderberg anzutreten, nicht einmal Rat Siebenstein. Söderberg hatte konsequent dafür gesorgt, dass die Fassade motivierend glänzte und jeder Riss in ihr umgehend beseitigt wurde. Eine derartige Konsequenz war eines seiner großen Talente, und er ließ Monat für Monat im Verborgenen dafür sorgen, dass niemand das vergaß. Söderberg hatte sich immer von Geltungsdrang und Paranoia treiben lassen und so würde er es auch zeitlebens tun. Diskussionen über Alternativstrategien waren mit ihm aussichtslos.

Auch Luschkow war klar, dass dieses Korsett ihnen eigentlich den Wahlsieg garantierte. Insgeheim verstand er daher, dass Söderberg seine ganze Aufmerksamkeit den Geschehnissen an der Sektorengrenze widmete, da die einzige Gefahr durch solche Fassadenrisse entstand, die die Allmacht des Systems infrage stellten. Trotzdem hätte er ihn heute lieber an seiner Seite gehabt und in seine Augen gesehen, wenn der junge Kanzler ihm ein weiteres Mal seine Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Geschehnisse beschwor.

Luschkow sank zurück in den weißen Ledersessel des alten Maybach, setzte das Kristallglas an seine Lippen und sah aus dem Fenster. Er liebte Berlins breite Alleen. Im Zusammenklang mit den stalinistischen Prachtbauten zu beiden Seiten hatten sie ihm immer ein unerschütterliches Gefühl von Planbarkeit vermittelt. Sie gaben den Blick auf den Himmel frei und umrahmten ihn mit himmelhohen Kästen mit Türmchen und Statuen. Die Lichter der Autos tanzten dazwischen auf den Fahrbahnen zu beiden Seiten des begrünten Mittelstreifens, lebendig und glitzernd, ohne jemals ausbrechen zu können. Sie lebten die Illusion von Freiheit, hupten und wechselten die Spur und blieben, umrahmt von der zeitlos herrschaftlichen Architektur, am Ende doch im Stau stecken. Getrennt durch Autoscheiben und eingehüllt von unterschiedlichen Berieselungspaketen, aber vereint durch die Erkenntnis, dass es etwas Größeres gab als das menschliche Individuum. Etwas Schöneres, das seine wahren Zauber in seiner Macht barg und dessen größter Trumpf es war, Gewalt niemals beweisen zu müssen, um sie fühlbar zu machen.

Nicht zuletzt diese altehrwürdige Stalinallee hatte Luschkow auf die Idee gebracht, Geschichte in den Kulissenvierteln wieder aufleben zu lassen. Er hatte den wilden Wald vor den Toren der Stadt gerodet und den von Modernität erdrückten Zeitzeugen einer verlorenen Epoche eine neue Heimat gegeben. Ein Vorhaben, das bei Söderberg sofort auf begeisterte Gegenliebe gestoßen war und so viele Synergien zugelassen hatte, dass Luschkow in den letzten Jahren viel mehr Geld verdient hatte, als er jemals über die normalen Kanäle hätte waschen können.

Seine Macht war ungebrochen und auch die Kanzlerwahl hatte er bis vor Kurzem als Formsache angesehen, die man zur Volksberuhigung ab und zu durchführen musste. Nun hing Unterrat Brandt an jedem gecracktem Holo-Schirm der Stadt. Zudem kursierten Gerüchte über eine neue, großartige Droge, die ein enormes Erfolgspotenzial hatte und von deren Existenz er zu allem Überfluss bis vor wenigen Stunden nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.

Seitdem Luschkows Informant bei der Polizei ihn auf diese Spur gesetzt hatte, hatte er seine Leute damit beauftragt, sich ausschließlich um Informationen zu dieser Droge zu kümmern. Die Ergebnisse waren mehr als dürftig. Die Zusammensetzung der Droge schien tatsächlich neu zu sein, viel mehr wusste er immer noch nicht. Auch über die Hintermänner hatte er nichts in Erfahrung bringen können. Es hieß, dass sich angeblich eine neue Gruppe aus russischen Ex-Elitesoldaten in der Stadt breitmachte, aber Luschkow brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wer wirklich hinter all dem steckte.

Der Whisky machte ihn schläfrig. Während die Villen des Westends an den getönten Scheiben der Limousine vorbeizogen, fielen ihm immer wieder die Augen zu. Er war in den frühen Morgenstunden wegen des seltsamen Mordes aus dem Bett gerissen worden und seitdem im Dauereinsatz, aber er wusste nur zu genau, dass sein Tag noch längst nicht vorbei war. Die Zeit drängte, schließlich konnten die Entwicklungen in Mauerberlin nicht nur für den jungen Kanzler zur Gefahr werden, sondern auch für ihn. Erst recht, wenn seine Theorie zu den Hintermännern der neuen Droge stimmte.

Als die Limousine das steinerne Tor passierte und über die lange Allee auf die weiße Prachtvilla zufuhr, setze er sich auf. Trotz der Eile blieb er in der Tiefgarage stehen und sah auf den gewaltigen Fuhrpark, der ihm auf einmal wie sein Vermächtnis vorkam. Einer spontanen Eingebung folgend, schickte er seine Leibwächter vor und folgte ihnen erst, als sie ihm ein Zeichen gaben. In der Halle blieb er wieder stehen und horchte in das stille Haus. Er bedeutete den Männern in den schwarzen Anzügen zu warten und stieg über die breite Treppe zur Empore hinauf.

Die Tür zu Adams altem Trakt war abgeschlossen, aber verschlossene Türen waren für Luschkow noch nie von Bedeutung gewesen. Er öffnete sie mit seinem Zweitschlüssel, trat ins Zimmer und ließ seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen.

Adam war immer schon ein besonderes Kind gewesen. Luschkow hatte früh die Zeichen seiner Entwurzelung erkannt, aber schnell verstanden, dass es gegen Adams Persönlichkeitsstörung keine Mittel gab. Er war exzentrisch, klug und hinterlistig wie ein Aas. Er war überaus begabt und zeigte keinerlei Empathie, weder gegenüber dem Vater noch gegenüber den Kindermädchen, die er sich schon in jüngeren Jahren als Sklaven halten wollte, weil das eine Interpretation von Hierarchie war, die er am besten verstand.

Adam hatte stets seinen eigenen Kopf gehabt, trotzdem hatte Luschkow ihn immer für schwächlich gehalten und ihn niemals von der Leine gelassen. Durch strikte Regeln hatte er seine Dämonen in Schach gehalten. Die aktuellen Ereignisse legten nun allerdings den Schluss nahe, dass sich Adams Dämonen spätestens jetzt um die väterlichen Fesseln und Regeln einen feuchten Dreck mehr scherten.

[ mehr]Bei seinen Recherchen zur neuen Droge war Luschkow auf eine Spur gestoßen. Den Kalifatsbrüdern, die ihren Stoff direkt aus dem Kalifat Kandahar im ehemaligen Afghanistan bezogen, war unlängst eine größere Lieferung abhanden gekommen. Es hieß, dass die Hells Angels dahinter steckten, aber vieles sprach dagegen. Seit heute  sagte Luschkows Gefühl ohnehin  etwas anderes. Auch gegen seine neue Theorie sprach einiges, aber vielleicht hatte er seinen lieben Sohn Adam einfach unterschätzt.

Er dachte an das Wenige, was er über die neue Entwicklung im Widerstand von Mauerberlin herausbekommen hatte. Im Wesentlichen lief es darauf hinaus, dass es eine neue militante Gruppe gab, die die vom Kulissenprotokoll vorgezeichneten Strukturen verlassen hatte und ganz in den Untergrund gegangen war. Luschkow hatte schon vorher von diesen Tendenzen gehört und ohne Absprache mit Söderberg einen Informanten einschleusen können, aber leider war der seit dieser Sache ebenso verschwunden wie sein Herr Sohnemann. Jeder Versuch der Lokalisierung war bisher fehlgeschlagen und das war nicht akzeptabel. Irgendetwas an dieser Sache war gewaltig faul.

Hinter ihm tauchte ein Schatten im Türrahmen auf, aber er ließ weiter den Blick über Adams Totenkopfroboter gleiten. Er hatte ihm in jungen Jahren seine Freiheit gelassen. In moralischer Hinsicht war er keineswegs zimperlich gewesen, aber die SS-Uniform der Robotermonster hatte selbst er schon immer geschmacklos gefunden.

Langsam wandte Luschkow sich zu dem Schatten um. Eine Entscheidung war in ihm gereift. Er konnte auf die Familie keine Rücksicht mehr nehmen. Er musste wissen, was los war.

»Mach das Shuttle bereit und hol mir Damian«, sagte er zu dem Schatten und verließ das Zimmer.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.