Prolog (Castorf)

Die Wände waren weiß, die Decke auch. Von seiner Pritsche aus war es unmöglich zu sehen, wo das Eine anfing und das Andere aufhörte. Es interessierte ihn allerdings auch nicht mehr. Alle, was einmal von Interesse gewesen war, hatte Castorf so weit in sich vergraben, dass er selbst nicht sagen konnte, was davon er noch finden würde, falls er sich wieder auf die Suche begeben sollte.

Auch die Therapeuten hatten irgendwann aufgegeben, danach zu forschen. Anfangs hatten sich ganze Schwadrone vor ihm aufgereiht, aber keiner war zu ihm durchgedrungen, weder durch Gespräche oder Drogen und auch nicht mit Hypnose. Immer, wenn sie versucht hatten, ihn zu greifen, hatte er sich mit den Melodien in seinem Kopf fortgesungen von ihren Fragen und Blicken. Mit alten Jazzstandards, Liedern aus einer längst vergangenen Zeit, die sie beide so sehr fasziniert hatten. Vor allem der eine, Marias Lieblingssong, »This Masquerade« von George Benson.

Auch jetzt summte er ihn vor sich hin und ahmte die Griffe mit seinen Fingern auf seinem weißen Anstaltsschlafanzug nach.

Are we really happy here


With this lonely game we play


Looking for words to say?


Searching


But not finding understanding anyway


We’re lost in a masquerade



Die Trompete war die Stimme für die Seite an ihm gewesen, die er nie hatte zeigen können. Auf der Bühne hatte er mit einem Lied mehr gesagt als an ganzen Tagen im Revier und draußen in den Vierteln, aber in einem seltenen Moment des Erwachens verstand er, dass er hier in den weißen Räumen der Klinik viel mehr für sie gesungen hatte als auf allen Bühnen zusammen. Er war sich dessen sicher, obwohl es mittlerweile so lange zurücklag, dass er kein wirkliches Gefühl dafür mehr hatte. Nicht einmal für Maria. Wie alles andere hatte er sie zurücklassen müssen, als er hierher gekommen war und je mehr ihm klar geworden war, wie viel früher er sie schon verloren hatte, desto öfter hatte er für sie in seinem Kopf gesungen.

Both afraid to say


We’re just too far away


From being close together from the start


We tried to talk it over


But the words got in the way


We’re lost inside this lonely game we play



Sie war damals schon von ihm abgedriftet, hatte seine Schweigsamkeit nicht mehr ertragen, seine Extraschichten bei der Polizei und die Boxkämpfe in den Kellerbars des Märkischen Viertels. Clubs, die so illegal waren, dass nicht einmal sie sich traute, nach Details zu fragen. Er gab ihr auch nur wenige Anhaltspunkte, im Besonderen besorgt zu sein. Er war gut genug, meist mit wenigen Blessuren nach Hause zu kommen, aber niemand kam da heil raus. Ein bisschen passierte immer, selbst den Besten.

Niemandem hätte er beschreiben können, was genau daran ihn süchtig machte, aber aus irgendeinem Grund konnte er nicht aufhören, obwohl er sah, wie sie litt und sein Verhalten auf ihre Weise quittierte. Mit jenem regenschweren Schweigen, das sie mit sich in ihrem Zimmer einschloss. Mit Fahrten und Gängen durch die dunkle Stadt, deren Ziel sie selbst nicht kannte und die er für gefährlicher hielt als seine Eskapaden, obwohl er nie etwas dagegen sagen konnte, weil das, was er machte, aus allgemeiner Sicht viel waghalsiger war. Für ihn und für sie.

Thoughts of leaving disappear


Ev’ry time I see your eyes


No matter how hard I try


To understand the reasons


That we carry on this way


We’re lost in this masquerade


Er hatte sie immer wieder eingefangen, kurz aufgehört zu boxen und sie mit in die anderen Clubs genommen. Trompete für sie gespielt, »This Masquerade«, »Here´s That Rainy Day«, »These Foolish Things« und all die anderen Lieder, die oft hinter ihrer geschlossenen Tür erklangen. Er hatte sich zurück in ihre Räume soliert. Mit offenem Visier und immer voller Leidenschaft, aber nie ganz ehrlich, weil er insgeheim damit das Ticket für die anderen Clubs löste. Für Adrenalinkicks und Gefahr, die Auflösung all der Speichelleckerei, die er am Tag während des Dienstes runterschlucken musste. Die Planung der neuen Berliner Kulissenwelt, die Degradierung ganzer Bevölkerungsgruppen zu Kulissenteilen und Komparsen.

Irgendwie hatte sich das alles die Balance gehalten, aber als die Sache in Kreuzberg eskalierte und der alte Kanzler kurz darauf bei einem Attentat starb, konnte er nicht mehr schlucken. Er legte die Trompete weg und hörte auf zu boxen. Etwas stimmte nicht, das war ebenso offensichtlich, wie die Tatsache, dass alle anderen es vertuschten oder nicht sehen wollten. Er riskierte Dienstbeschwerden und nahm den Spott persönlich. Trotz aller Widerstände ermittelte er weiter – bis sie sich an Maria vergriffen.

Sie hatten sie wohl nur zusammenschlagen wollen, aber weder von dem ungeborenen Leben in ihr gewusst, noch von ihrer Bluterkrankheit. Bevor der Krankenwagen eintraf, war sie gestorben und hatte auch die Kleine mitgenommen. Sie lag nur noch tot da, mitten auf der Promenade am Görlitzer Ufer. Am Ende einer ihrer Touren, von denen er sie nicht hatte abhalten können, weil das Boxen und seine Arbeit ihm zu wichtig waren.

Verrannt hatte er sich schon viel früher, ab diesem Moment wurde es hoffnungslos. Eine kurze Zeit versuchte er mit den Ermittlungen weiterzumachen, doch als Beweise verschwanden und die Suche nach Marias Mördern behindert wurde, ließ er sich von keinem Sicherheitscheck irritieren. Er marschierte im Regierungspalast auf das Zimmer des neuen Kanzlers zu und sie ließen ihn machen. Sie ließen ihn mit seinen Stieraugen weiter marschieren, um ihn direkt vor dem Sitzungszimmer des Rates festzunehmen und wegen versuchten Mordes einzusperren.

Bis heute wusste er nicht, wer ihn damals vor dem Knast bewahrt hatte. Vielleicht war er einfach zu bekannt gewesen oder die Sache hätte vor Gericht keinen Bestand gehabt, aber es war ohnehin egal, wie es gelaufen war. Er kam so oder so nicht mehr aus dieser weißen Welt heraus. Und nüchtern betrachtet war die Klapse das stillere Loch für das, was viele eine Polizeilegende nannten.

Both afraid to say


We’re just too far away


From being close together from the start


We tried to talk it over


But the words got in the way


We’re lost inside this lonely game we play

 Wieder sang er in seinem Kopf eine Strophe, die Gedanken quälten ihn. Er hatte sich die Sache mit Maria nie verziehen und alles rausgedrängt. Nur die Liebe war geblieben. Oder zurückgekommen. Die Melodie, die sie umspielte. Die Traurigkeit der weißen Wände.

Irgendwann hielt er in seinem Spiel inne. Die Finger stoppten, summend intonierte er die letzte Zeile, dann verstummte er. Der Fernseher auf dem Flur brachte zum wiederholten Male die gleiche Nachricht. Irgendein hochrangiger Politiker war an der Sektorgrenze ermordet worden. Kurz dachte er darüber nach, was das bedeuten konnte, dann zwang er sich zur Melodie zurück.

Irgendein Arschloch war gestorben. Und morgen ein neuer Tag. Weiß wie jeder folgende und wie so viele der vorausgegangenen. Darauf konnte er sich verlassen und darüber war er auf eine seltsame Weise auch ganz froh.

One Comment on “Leseprobe »Hinterland«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.