I

1. Der gekreuzigte Rat

Ort: Sektorengrenze nahe Tempelhof II, Mauerberlin

Gefährdungspotenzial: extrem

Anzahl der zu erwartenden Todesfälle: mindestens 1

Wahrscheinlichkeit einer Verhinderung: 0,96%

Im Fokus der Luftsensoren: Manolo Hernandez, 18 Jahre

Manolo mit Zug

Am Ende der Straße thronte, umrahmt von fast laublosen Bäumen, die gezackte Ruine der Genezarethkirche. Der kalte Wind rieb sich an den grau-schwarzen Fassaden der Häuser, ein Fuchs floh in Richtung Sektorengrenze, von dem Mann war nichts zu sehen.

Manolo sah auf die Uhr. Die Stimme des Anrufers hatte gepresst geklungen und ihn zur Eile gemahnt. Nun stand er hier und fror sich den Arsch ab. Dabei war die Gegend um die alte Kirche weiß Gott kein geeigneter Ort zum Warten. Der weitgehend unbewohnte Schillerkiez galt besonders nachts als gefährlich. In dieser Nacht wirkte er extra seltsam, obwohl Manolo erst nicht dahinter kam, warum.

Der Anruf von Damian hatte ihn eine drei viertel Stunde zuvor aus der abendlichen Prokrastination gerissen. Manolo hatte noch versucht, Damian davon zu überzeugen, auf einen anderen Kurier zurückzugreifen. Den lausigen Tag hatte er schon an den Nagel gehängt, außerdem passierten in der letzten Zeit zu viele merkwürdige Dinge im Viertel. An diesem Abend roch der Junge förmlich den Ärger.

Die Schnappatmung, die seine Verweigerungsversuche am anderen Ende der Leitung verursachten, zeigte ihm umgehend seine Grenzen auf. Für diese Leute war er ein Niemand. Wenn nun sogar er es schaffte, bei einem wie Damian einen Wutausbruch heraufzubeschwören, eröffnete das zwar neue Perspektiven, veranschaulichte aber einstweilen, wie schnell er sich das mit der Entscheidungsfreiheit wieder abschminken konnte. Letztendlich gehörten seine Bedenken ohnehin ins bedeutungslose Reich der Kleinigkeiten, dem schwerwiegendere Dinge das Wasser abgruben.

Er hatte sich im letzten Jahr das Geld für sein geplatztes Schleuserunternehmen von dieser dubiosen Gruppierung geliehen. Die Empfehlungen der Politischen um das neu errichtete Kulturzentrum ›Kuckuck‹ hatten ihm den Weg zu den Schleusern gewiesen und er war auf in Rekordzeit auf der Fresse gelandet. Seitdem war er vogelfrei und natürlich brutal selbst schuld. Nicht einmal in gnädigen Momenten konnte er sich zugestehen, nicht gewarnt gewesen zu sein. Obwohl man nichts Genaueres über die Hintermänner wusste, war niemand im Viertel bei klarem Verstand so bescheuert, sich auf Geschäfte mit diesen Typen einzulassen. Weil er unbedingt aus Mauerberlin herauswollte, hatte er es getan – und es war schief gegangen. Nun wusste er zwar immer noch nichts Genaues über die ominösen Drahtzieher, aber er wusste nur allzu gut, dass sie ihn auf unbestimmte Zeit an den Cojones hatten.

Damian stand mit diesen Leuten in Verbindung, mehr wusste auch über ihn niemand im Viertel. Am Telefon klang er ungewohnt nervös, verzichtete aber seltsamerweise darauf, die Dringlichkeit durch handfeste Drohungen zu untermauern. Letztendlich machte es die hohe Bezahlung, die er stattdessen anbot, dem Jungen leicht, keinen weiteren Ärger zu riskieren, doch selbst die Aussicht auf den großen Schein konnte das schlechte Gefühl nicht besiegen, das er bei der Sache von Anfang an gehabt hatte.

Die alte Soli-Kuckucksuhr der Großküche hallte durch die gespenstisch stille Kommune, nachdem Manolo aufgelegt hatte. Schnell klaubte der Junge seine Jeansjacke aus der hinteren Zimmerecke und eilte die Treppe hinab. Da niemand mehr im Hof war kippte er zur Paranoia-Bewältigung noch schnell `ne Molle aus Kalles geheimem Versteck unter dem Ginsterbusch. Mit seiner Sonderlagerstätte für Hopfenkaltschalen unterwanderte der Dicke regelmäßig den sorgsam überwachten Egalitarismus der Kreuzberger Kommune ›Bauhof  36‹. Trotz der nötigen Geheimniskrämerei bildete sich Kalle Fettsack einiges auf seine Extrarationen ein, genehmigte sich aber selbst so viele davon, dass er ziemlich oft den Überblick über den Bestand verlor. Der Fettsack merkte es so gut wie nie, wenn die anderen Alkis heimlich mit ihm gleichzogen, anstatt ihn zu verpfeifen.

»Am Arsch mit den Hippies«, murmelte Manolo, feuerte die leere Flasche in Richtung des von Schutt übersäten Nachbarhofs und trat hinaus auf die dunkle Manteuffelstraße. Die Wirkung des Bieres beruhigte ihn ein wenig, aber beim Warten am Moritzplatz wurde er wieder so nervös, dass er seinen Ball aus seinem Versteck holte und ihn immer wieder gegen die Rückwand des letzten Blockhauses an der Prinzenstraße drosch.

Vom Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße hallten Befehle durch den aufkommenden Nebel. Die Hunde der Patrouillen bellten von beiden Seiten, auf der Ostseite meinte er, das Dröhnen eines russischen Panzermotors zu hören. Als würde der Aufruhr ihn nicht betreffen, chippte er das Leder vom linken auf den rechten Fuß, ließ ihn auf den Knien tanzen und hämmerte ihn immer wieder in die Dunkelheit. Schließlich drosch er ihn zurück in den Busch neben der Gaslaterne und ließ die Grenzanlagen hinter sich. Langsam ging er auf den verlassenen Abstieg zur U8 zu.

Er hatte keine Zeit, sich für Einzelheiten zu interessieren, aber die Patrouillen schienen zahlreicher zu werden und übermotivierte Polente konnte er gerade in dieser Nacht überhaupt nicht gebrauchen. Seine böse Vorahnung schien ihn ein weiteres Mal nicht im Stich zu lassen, aber aus der Nummer kam er nicht mehr raus. Wer in Mauerberlin verhaftet wurde, überantwortete sich der Willkür eines korrupten Staatsapparates, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was sein Auftraggeber ihm auf den Hals jagen würde, wenn er diesen Job auch noch in den Sand setzte oder gar kniff.

»Scheiß die Wand an, wird schon werden«, murmelte er und stieg die Stufen in den Untergrund hinab. Die U-Bahntunnel und der Bahnsteig an ihrem Ende waren leer, nicht einmal die üblichen Junkies waren zu sehen. Die Deckenfunzeln beschienen die halb abgerissenen Konzertplakate, über die Bahnschwellen liefen Mäuse, irgendwo in den Tunneln flatterte eine verirrte Taube.

Ein Luftzug begleitete die Einfahrt der Bahn. Sofort sah er die Araber, je zwei Männer an den Ausgängen der hinteren Waggons. Die Hände in den Ärmeln seiner Bomberjacke zu Fäusten geballt, bestieg der Junge den Zug. Der Mann mit der roten Mütze, den ihm Damian beschrieben hatte, stand abseits im letzten Wagen und starrte aus dem Fenster, als würde er den Jungen nicht sehen. Manolo zwängte sich an lärmenden Touristengruppen vorbei und ignorierte die Grabbeleien zweier mittelalter, britischer Altpunkerinnen, die sich anscheinend davon überzeugen wollten, dass er als waschechter Mauerberliner tatsächlich aus Fleisch und Blut war. Direkt dahinter kämpfte er sich durch eine Red-Bull-Wodka-Wolke an einer Gruppe singender spanischer Teenager vorbei und platzierte sich neben dem Mann im letzten Wagen. Ohne den Jungen anzusehen, nahm dieser den Schein und steckte ihm ein Tütchen in die Tasche seiner Jeansjacke.

Manolo meinte, noch etwas sagen zu müssen, doch am Kottbi stieg der Habibi einfach aus. Als die Zugsirene ertönte und der graue Bahnsteig mit den auf einen neuen Zug wartenden Arabern hinter den Tunnelsäulen verschwand, tastete Manolo nach dem Päckchen. Es fühlte sich an wie stinknormales Koks und war doch angeblich so viel krasser. So viel gefährlicher und seltener, dass der durchgeknallte Damian ihn unter Ermahnung größter Eile durch die halbe Stadt schickte, um ein kleines Tütchen davon zu liefern. Und dafür noch einen Preis bezahlte, für den er sich sonst wochenlang die Nächte um die Ohren schlagen musste.

Nervös sah der Junge sich um, aber weit und breit gab es nur Touristen-Horden. Er wusste ohnehin nicht, wie Drogenfahnder in Zivil aussahen. Ganz grundsätzlich hatte er keinen Schimmer von dem, was er gerade tat. Eigentlich verdiente er sein Geld, indem er vermeintlich aus der Mauer geklopfte Steine an Touris und andere Blitzbirnen verkaufte. Doch er hatte ja unbedingt die Veränderung im großen Stile anvisieren und hohe Schulden anhäufen müssen. Nun hing er in diesem Deal drin und bemühte sich trotz der immer böser werdenden Vorahnung um Ungezwungenheit, als er den Bahnsteig hinter sich ließ. Bevor er die Treppen zur Straße hochstieg, wandte er sich noch einmal um. Schritte hallten durch den kahlen Tunnel, von denen er nicht sagen konnte, ob sie sich entfernten oder näherkamen. Irgendwann verstummten sie. Stattdessen zerschnitten Akkordeonklänge die Stille und trieben ihn hastiger als es seinen Nerven lieb war die Treppe hinauf.

Oben auf der Hermannstraße war es finster wie in einem Pavianarsch, kein Fenster der Blockreihen am Rande der Straße war erleuchtet. Manolo bemerkte, wie still die Nacht war, redete sich auf dem Weg zur Schillerpromenade aber ein, dass das normal sei. Nun stand er am Treffpunkt bei der Kirchenruine und wünschte sich, er hätte den Ball mitgenommen.

Nach weiteren zehn Minuten Wartezeit hielt er es nicht mehr aus und trat in das Licht der Gaslaterne auf dem Kirchenvorplatz. Immer noch heulte der Wind durch die Ruinenallee, im Gestrüpp raschelten Tiere, kein Mensch war zu sehen. Vorsichtig umrundete Manolo die Kirche und erkannte an der Ecke schemenhaft die Mauer, die das andere Ende der Kulissenstadt und damit der ihm bekannten Welt markierte. Wieder beschlich ihn das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Erst wusste er nicht, was es war, doch dann bemerkte er es.

Es war schlicht und einfach zu hell.

Er umklammerte das Tütchen und schlich, den Rücken an die Häuser gepresst, näher. Noch bevor er um die Ecke in die Oderstraße biegen konnte, roch er das Feuer: den ekligen Gestank von versengendem Fleisch. Bereit zur Flucht spähte er um die Ecke und erstarrte. Der Gestank hatte ihn auf fast jede Art von Schrecken vorbereitet, aber das, was er nun zu sehen bekam, sprengte jede seiner Vorstellungen.

Wie angezogen von den Feuern und dem, was sie umstellten, stolperte er ein paar Schritte in die Gasse und blieb umlodert von Flammen stehen. Seine Haut brannte förmlich im Feuersturm und als er zu der entstellten Fratze hinaufsah, vergaß Manolo augenblicklich die Drogen in seiner Tasche und griff mit zitternden Händen nach seinem Handy. Rückwärtstaumelnd fiel er über einen Stein. Obwohl es nicht sein konnte, schienen die Flammen näherzukommen und sich nach dem Jungen zu recken. In ihren Bann gezogen, blieb er sitzen und dachte, was für eine bescheuerte Idee es angesichts seiner Mission war, die Bullen zu rufen.

Mit tränenden Augen überwand er die Lähmung und rappelte sich auf. Noch immer schaffte er es nicht, den Blick von den Flammen und der furchtbaren Fratze in ihrer Mitte abzuwenden, aber er zwang sich zu weiteren Schritten. Wie ein wütender Roboter stampfte er rückwärts. Als er unvermittelt an ein Hindernis stieß, gaben seine Beine fast erleichtert nach. Einen Moment lang spürte er noch die Pranke auf seiner Schulter, dann erlöste ihn die Ohnmacht und er fiel einer feuerlosen Nacht entgegen.

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