Ich habe in den letzten Monaten keine Zeit für diesen Blog gehabt. Die Familie und der neue Beruf haben mir keinen Raum dazu gelassen. Der neue Beruf dreht sich neben allen anderen Herausforderungen um die Musik. Ich habe meine Träume und Ambitionen in dieser Hinsicht vor 15 Jahren beerdigt und hatte all diese Jahre diese „Wunde“ in mir belassen, die damit nicht fertig geworden ist. Ein Acker lag brach in mir, der mir einmal den ganzen Ertrag bedeutet hatte. Es musste sein, aber es fühlte sich trotzdem nicht so ganz richtig an. Daran wieder zu rütteln, war schön aber stark angstbehaftet und in ehrlichen Momenten wusste ich selbst nicht, ob ich das gut hinbekommen werde.

Es ging nicht ab ohne kalten Schweiß, aber die Transformation ist gelungen. Es ist ein Segen, dass ich als Musiker wieder Feuer gefangen habe und viel Zeit mit den Gitarren und den Noten verbringe. Irgendwann werden auch wieder neue Tracks entstehen und das blaue Licht der Sequenzermonitore das nächtliche Zimmer einfärben, während die Regler geschoben werden. Alles ist auf dem Weg. Pausen bleiben arg rar, irgendetwas ist immer …

Bezüglich des Schreibens bin ich trotzdem am Ball geblieben. Das Anfangsbuch meiner Frankreich-Serie nimmt Gestalt an. Ich plote dieses Mal noch akribischer und denke noch viel mehr in die Tiefe der Geschichte und das Leben der Figuren, als ich das bei Metropolis gemacht habe. Das dauert lange und führt einen immer wieder von der Kernspur weg. Nicht umsonst bin ich durch diese »Abschweifungen« vor 1,5 Jahren von einem vermeintlich fertigen Buch zu immer weiteren Vorgeschichten gekommen, die ich in eigenen Büchern ausgekoppelt habe, bis ich mit diesem abermaligen Neuanfang bei einem Werk gelandet bin, in dem es nicht einmal mehr Übereinstimmungen in Bezug auf die Figuren gibt.

Nicht wenige Tage habe ich mich wie ein Montagsautor gefühlt. Während geschäftstüchtigere und effizientere Kollegen das fünfte Buch den Lesern zum Fraß vorwarfen, hatte ich mich immer noch in meiner Werkstatt vergraben. Mühsam verwehrt sich das Einhörnchen aber am End knallt de Pietsch, wir man Opa immer zu sagen pflegte …

Am Ende des Tages wird es sich lohnen. Das Buch ist halb geschrieben und wirkt so durchdacht, dass das Lektorat übersichtlicher geraten könnte. Ich scheine nach langer Reise eine Weg gefunden zu haben, der beginnt, die vielen losen Enden zusammenzufügen. Die Phase, dass das Werk mir zu durchdacht vorkam, habe ich gerade hinter mich gebracht. Indem ich die Figurenkonstellationen und die Verbindung der einzelnen Charaktere untereinander verändert habe, ist frischer Wind in die Sache gekommen. Den spüre ich nun deutlich in den Segeln. Was lange währt, wird endlich Wort …

Es bereitet mir auch Freude, hier wieder ein Lebenszeichen zusenden. Ich werde mir bald die Zeit nehmen, um mehr zu schreiben und auch von der Recherche-Reise nach Marseille berichten. Da sich aber die Anfragen der Leser häufen, ob es mich und diese Mission noch gibt, wollte ich wenigstens kurz den Finger heben. Als Ausgleich für einen nicht unbedingt üppigen Blogpost gibt es nun noch den rohen aber extrafrischen Anfang des Buches mit dem Arbeitstitel »Daimon – Tödliche Fracht«.

P.S. Es ist 5.52 Uhr. Eben hat sich mein kleiner Sohn wach gehustet und ich musste hier unterbrechen. Während ich ihn auf dem Ball wieder in den Schlaf gewiegt habe, ist mir aufgefallen, dass Jugend und „Lehrzeit“ des Kommissars zu spannend sind, um sie nur in Stimmungen und Rückblenden zu verbraten. Ich denke, ich kann nicht widerstehen, werde das Buch aber nach dem derzeitigen bearbeiten und herausbringen.

Prolog 

Countdown 

Das Gift machte es für Noreau zum Höllentrip, sich auf dem Krankenhausbett hochzustemmen. Seine Hände zitterten, kalter Schweiß trat auf der Stirn aus. Immer wieder war er nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Schließlich sank er zurück, schloss tief atmend die Augen und ließ die Worte des Arztes in Endlosschleife durch seinen Kopf schießen. 

Wenn wir kein Antiserum entwickeln können und die anderen Therapien nicht anschlagen, haben Sie nur noch wenig Zeit zu leben. Wahrscheinlich nur Tage, eher zwei als fünf. 

Der Mann und seine Kollegen in den grünen Seuchenschutzmitteln hatten ihm versichert, dass sie sich sofort an die Arbeit machen und alles schon wieder gut werden würde. Trotz seines Zustandes hatte Noreau aber mühelos zwischen den Zeilen lesen können, während sie ihn mit schlecht versteckter Fluchtbereitschaft auf dem Bett in dem leeren weißen Zimmer umringt hatten. In ihren Augen war er schon ein Toter. Ein Kontaminierter, der auch ihnen den Tod bringen könnte, wenn er plötzlich aufsprang und ihren High-Tech-Schutz perforierte. 

Durch den Anschlag am alten Chateau war das Urteil gefallen. Noreau hatte für seine Entscheidung, sich endlich aus der Lähmung zu befreien und aus dem Schatten des Vaters zu treten, den ultimativen Preis bezahlt. Sein Leben war zu Ende, bevor er verstanden hatte, es richtig zu leben. Ohne Ausschweifungen und Adrenalinkicks. Ohne die selbstzerstörende Wirkung der Drogen, die bei ihm nur Flucht vor der Vergangenheit war. Ohne die Sehnsucht danach.

Wie eine mächtige Welle stiegen Trauer und Wut in ihm auf und schnürten ihm den Atem ab. Noreau rang sie nieder. In seinem Zustand gab Panik dem Tod eine Freifahrt und er war noch nicht bereit zu sterben. Nicht ohne bis zum letzten Atemzug gekämpft und wenigstens den Mann mit hineingerissen zu haben, der ihm das Ganze angetan hatte. 

Daimon, der Henker von Kivu-See!

Noch einmal nahm Noreau seine ganze Kraft zusammen und drückte sich hoch. Endlose Sekunden kämpfte er gegen den Schwindel, dann schaltete er den Alarm an den Geräten ab und löste die Sonden. Er wartete bis er ohne Anlehnen stehen konnte und schlich zur Tür. Dahinter stand ein breitschultriger Glatzkopf mit nur schlecht verstecktem Kabel im Ohr, zwei weitere Typen standen abseits mit versteinerten Gesichtern. Einer von ihnen telefonierte.

Sie hatten ihn glauben machen wollen, dass sie als Mitarbeiter einer kryptischen Seuchenschutzbehörde die einzigen waren, die ihn, zusammen mit den Spezialärzten, doch noch vor dem exotischen Gift retten konnten, das seine Lebenszeit nun herunterrasen ließ. Sie hätten ihn nicht unterschätzen dürfen. Noreau war neu bei der Polizei aber er hätte sie auch blind und besoffen als Geheimdienstleute erkannt. Oder schlimmeres. Auf keinen Fall waren sie Wissenschaftler. Schon aus seiner ersten Karriere kannte Noreau die Beulen unter den weißen Kitteln, die von Pistolenläufen herrührten. Zudem war etwas in ihren Augen. Etwas Lebensfernes, das den Blick gegen Tod und zu viel Leben immunisierte, weil man zu oft dem ersten gegenübergetreten war.

Wieder fühlte Noreau den Schwindel. Panik schnürte ihm die Luft ab, aber darunter mischte sich immer deutlicher der Kampfgeist. Die Entschlossenheit bis zum Letzten zu gehen und diese Verschwörung zu entlarven, die sich bis in die höchsten Kreise von Justiz und Politik ausgebreitet hatte. 

Mittlerweile sah er alles wieder klar. Der monströse Plan dieses Daimon war nicht Produkt der Wahrnehmungsverzerrungen, die das Gift mit sich führte. Alles war real und er musste es stoppen, auch wenn es das letzte war, was er tat.

Vorsichtig schlich er zurück zum Fenster und machte sich mit zittrigen Fingern am Schloss zu schaffen. Plötzlich war ihm klar, was er zu tun hatte. Er musst nur lange genug durchhalten. 

 

Teil I – Zwei Tote in einer Nacht

Fünf Tage zuvor …

1. La Castellane 

Als der Hyundai vor ihnen überraschend zum Überholen ansetzt, riss Noreau das Steuerrad herum und überholte beide Wagen auf dem Standstreifen. Noreau war seit drei Monaten Kommissarsanwärter bei der Polizei von Marseille und er konnte nicht behaupten, dass sich sein Partner Garcia bisher einen dabei abgebrochen hatte, Vorzüge an ihm herauszustellen. Noreaus Talent fürs Auto fahren hatte er dagegen sofort erkannt. Als hatte er ihm angesehen, dass der Neue noch bis vor Kurzem gelegentlich im aufgemotzten Maserati des Mafia-Paten der Stadt von Bahrain bis Sao Paolo illegale Autorennen gefahren war, hatte er dem fast zehn Jahre Jüngeren sofort den Fahrersitz überlassen. 

Noreau kannte keinen Details und hatte sich auch für keine interessiert, aber es stand nicht gut um Garcia. Die Kollegen zogen ihn damit auf, dass er fortan bei den großen Fällen, die weiterhin selbstredend ganz und gar niemals ihm übertragen werden würden, mit dem neuen Grünschnabel vorlieb nehmen musste. Ehrgeiz und Disziplinlosigkeit hielten sich bei Garcia in einem gefährlichen Gleichgewicht und seit Ermittlungsrichterin  Briand herausgefunden hatte, dass er nicht nur wegen des jüngstem Nachwuchses oft müde zum Dienst erschien, sondern in den frühen Morgenstunden nach durchwachten Wiege-Nächten auf dem Gymnastikball noch an seiner Karriere als Krimiautor feilte, hatte sie seine Dienstbefugnisse weiter beschnitten und ihm ein Disziplinarverfahren angehängt. 

Garcia war trotz seiner unbestrittenen Fähigkeiten und dem manchmal selbstmörderischen Mut das personifizierte Abstellgleis und Noreau durfte ihm bei seinen ersten Gehversuchen als Polizist nun rangieren helfen. Drei Monate waren sie Patrouillen gefahren und hatten den Kollegen assistiert, die bei ihren Fällen mit mehr Fortune gesegnet waren. Als sie an diesem Abend aber aus den Vierteln den Notruf abgefangen hatten, hatte Garcia seine Chance gewittert und den Neuen extra intensiv zur Eile angetrieben. 

Noreau schnitt die Bahn eines LKW, bremste scharf ab und lenkte den Wagen von der A55 herunter, ehe er in rasanter Fahrt am grell erleuchteten »Grand Littoral« vorbeifuhr. Das Einkaufszentrum wirkte in dieser Nacht mehr denn je wie ein Außenposten des Alltagskonsums, der die Immigranten und Armen der nördlichen Viertel vom mühsam sanierten Zentrum fernhalten sollte. Dahinter säumten noch vereinzelt Häuser die Straße, mit hohen Zäunen und Stacheldraht umgeben, dann begann das Niemandsland, aus dem unvermittelt Marseilles berüchtigste Armensiedlung »La Castellane« vor ihnen aufragte. 

Zu den Cités des Nordens fuhren weder Busse noch Metros. Die Polizei traute sich nur mit einem Großaufgebot in diese Dschungel aus Beton, in denen Zustände wie in den brasilianischen Favelas herrschten und die sich oft wie eine Kriegszone anfühlten. Die 500 Euro für eine Kalaschnikow aus alten jugoslawischen Armeebeständen konnten selbst Kleindealer aufbringen und damit eine vermeintliche Eintrittskarte für das Konzert der Großen lösen, die für viele eine Direktfahrt in eine Grube der schäbigen Friedhöfe der Gegend bedeutete. 

Normalerweise kam niemand in die Siedlung hinein oder heraus, ohne von den Posten der Banden kontrolliert zu werden. In dieser Nacht sorgten Dutzende Kollegen in voller Schutzmontur und mit Maschinenpistolen im Anschlag dafür, dass sie unbehelligt an den ehemals weißen Betonklötzen der Cité entlangfahren konnten. Noreau war nicht ganz klar, was Garcia sich erhofft hatte, aber etwas Exklusives gab es für sie hier nicht mehr zu holen. Sie konnten von Glück sagen, wenn sie es an den massiven Absperrungen vorbei überhaupt bis zum Tatort schafften, ohne von den Erfüllungsgehilfen der Ermittlungsrichterin aufgehalten zu werden.

Als sich die Einsatzfahrzeuge vor ihnen stauten, erregte eine Bewegung im Gestrüpp Noreaus Aufmerksamkeit. Die riesigen Katzen und Ratten von La Castellane waren in der ganzen Stadt Legende, trotzdem berührte er den Griff seiner Waffe und sah sich um. Neben einer leeren Bank abseits der engen Straße stand ein Papierkorb voll mit Wettscheinen für Pferderennen. Auf das vergilbte Plakat eines Fußballvereins war das Gedenkkreuz für den Toten einer Gangschießerei gesprayt. Niemand war zu sehen, selbst die sonst so zahlreichen Späher, die Shoufs, hatten sich längst zurückgezogen. Nur zwei von ihnen warteten noch fluchtbereit auf ihren Mofas beim berühmten Block G, der Geburtsstädte der Fußballlegende Zinedine Zidane, weiße Arbeitermasken vor Mund und Nase, damit ihre Gesichter nicht erkannt werden konnten.

Noreau lehnte sich wieder auf dem Fahrersitz zurück und fuhr die Wagenfenster hoch. Sie waren noch Dutzende Meter von der Absperrung entfernt, doch schon hier roch es nach verbrannten Benzin und Plastik, überlagert vom bestialischen Gestank von verkokeltem Menschenfleisch. Als ein vorbeikommender Posten ihnen per Handzeichen bedeutete, der Spurensicherung noch ein paar Minuten Zeit zu geben, steckte sich Garcia auf dem Beifahrersitz eine Zigarette in den Mund und stieg fluchend aus. 

Garcia hatte italienische Vorfahren und in Noreaus Adern floss wie bei so vielen in der ältesten Stadt Frankreichs das Blut von der anderen Seite des Mittelmeers. Die Katastrophe der Kolonialisierung und die Armut in ihren Heimatländern hatte ihre Ahnen in die Stadt gespült. Von den provisorischen Slums am Stadtrand waren sie in den 60er-Jahren in Neubausiedlungen wie La Castellane umgesiedelt worden. Strom und fließendes Wasser hatten für einige kurze Jahre die Hoffnung auf Aufstieg und Neuanfang suggeriert, dann hatte sie die Wirtschaftskrise eingeholt. Die Wohnungen blieben, gute Arbeit wurde zur Utopie. Jahrzehntelang wurden die Viertel sich selbst überlassen. Wer hier noch Hoffnung hatte, wollte einfach nur weg.

»Verdammter Sumpf«, murmelte Noreau und wandte sich von den Blocks ab. Garcia nickte und warf seine Zigarette zu Boden. Auf das Zeichen des Beamten passierten sie die Absperrung und gingen auf das ausgebrannte Autowrack neben der verfallenen Steinhütte zu. 

Abgeschirmt von einer Reihe Bewaffneter liefen Gestalten in Weiß um die Reste des Fahrzeugs herum. Als Noreau und Garcia sich näherten, trat die leitende Pathologin Fabienne Lamar an ihrem Platz an der Fahrertür wortlos zur Seite, damit die Neuankömmlinge den verkohlten Toten auf dem Fahrersitz sehen konnten. Seit Farid Berrhama nach dem Mord am großen Mafiapaten Francis, le Belge, in 2001 dadurch zum neuen Paten aufgestiegen war, indem er Feinde und Rivalen bis zur Unkenntlichkeit verbrannte, hätte jeder Polizist in Marseille an diesen Anblick gewöhnt sein sollen. Noreau war in Marseille aufgewachsen und war in dem Leben seitdem schon durch einige Höllen gewandert. Trotzdem hätte ihn nichts in der Welt ihn auf diesen Anblick vorbereiten können. Die Leiche war mit dem Plastik der Sitze verschmolzen, das Fleisch hatte sich von den Knochen gelöst, in den Augenhöhlen klafften verrußte Krater.

»Die vierte dieses Jahr«, sagte Lamar und wendete sich wieder dem Toten zu. »Wird eine Weile dauern, bis wir etwas über die Todesursache sagen können. Und die Identität werden wir nur herausfinden, wenn wir unverschämt viel Glück haben.«

Garcia hielt sich die Nase zu und beugte sich über die Leiche.  

»Keine Anhaltspunkte bisher?«

»Ich habe noch keine Einschusslöcher gefunden, aber wenn Verbrennen die Todesursache war, muss er betäubt gewesen sein. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er versucht hat, sich zu wehren.«

»Er?«

»Es sind die Knochen eines Mannes, die Ausprägung des ventralen Bogens am Schambein ist eindeutig.«

»Sonstige Merkmale?«

»Kräftiger Typ, etwa Anfang 30, komplett ohne Gewähr. Ethnisch gesehen afrikanische Wurzeln, mehr kann ich noch nicht sagen.«

»Das hilft uns leider nicht weiter«, murmelte Garcia. Marseille war ein Schmelztiegel für die Verlorenen der halben Welt. Allein 600.000 Komoren lebten in der Stadt. Ein Wunder, dass es überhaupt so viele gab.

Lamar musterte Noreau. Die weiße Kapuze brachte das Blau ihrer Augen besonders gut zur Geltung. Bei all der Professionalität und der Distanziertheit, die Lamars Erscheinung im Alltag prägten, vergaß Noreau immer wieder, was für eine schöne Frau sie war. Sie machte sich immer über Garcia lustig, wenn er versuchte, an ihr einen Macho-Status zu markieren, den das Leben mit seinen grenzamourösen Jagdgründen längst auf handliche Alltagsgröße zurückgestutzt hatte. Trotz aller Animositäten liebte sie ihn für seine Holzköpfigkeit und die ganze Brigade wusste, dass die beiden in einem anderen Leben, in dem Garcia nicht nach Dienstschluss zu Frau und drei Kindern eilen musste und Lamar weniger Abstand zu den Geistern ihrer Vergangenheit hielt, so etwas wie ein Traumpaar geworden wären. 

Noreau war nur der Neue, der sich abseits all dieser Nickligkeiten hielt, aber selbst er hatte bemerkt, dass Lamars Blicke sich, sehr zu Garcias Unwillen, in der letzten Zeit immer öfter auf ihn fixiert hatten. Wie in seiner ganzen Vergangenheit als Ex-Musikstar und verhinderter Frauenmagnet wurde seine Anziehungskraft immer dann unweigerlich größer, je mehr er sie zu neutralisieren versuchte. Seine Angst, sich zu zeigen, mündete zumeist verlässlich in die unglückliche Mission der Frauen, ihn hervorzulocken und er war es Leid, immer wieder enttäuschen zu müssen. 

Sein Gefangen-sein in sich war all die Jahre stärker gewesen als alle Beziehungsversuche und er war nach seinem Psychologie-Studium auch deswegen in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um daran endlich etwas zu ändern. Lamar sollte dabei aber lieber keine bedeutende Rolle spielen sollte. Das konnte er Garcia nicht antun und seiner neuer Freundin Aline auch nicht.

»Natürlich hilft das nichts«, antwortete Lamar und wandte den Blick wieder zur Leiche. »Ich weiß aber auch nicht, ob ihr die seid, denen geholfen werden muss. Cazal und Mahé waren zuerst da, Briand ist mit ihnen da hinten.«

Als hätten sie auf ihr Stichwort gewartet, kündigte Geraschel die beiden Kollegen an, die mit weiteren Männern in Weiß und der Ermittlungsrichterin Briand aus dem Gebüsch neben der Hütte traten. Cazal war ein kleiner Katalane und Mahé ein Rasta-Hüne aus Sierra Leone. Die beiden hätten vom Typ her nicht unterschiedlicher sein können, hatten aber beide den gleichen schlechten Ruf. Der Umgang mit ihnen war unangenehm und es galt als sicher, dass sie für die Gangs gegen gewisse Dienstleistungen die Hände aufhielten.

 »Ein normales Opfer der Bandenkriege«, sagte Cazal, nachdem er den Kollegen widerwillig zugenickt hatte. »Bisher keine Anhaltspunkte, für wen der Mann gearbeitet hat und warum genau er sterben musste. Wenn wir den Toten mit DNA im Register haben, bekommen wir seine Identität heraus. Weiter werden wir nicht kommen, wenn es nicht Vergeltungstaten gibt, die uns die Dynamik zeigen, welche zu diesem Mord geführt hat.«

Briand sah ihn scharf an. Wie immer trug sie einen Mantel, der elegant ihre Machtstellung ausdrückte und gleichzeitig ihre weiblichen Rundungen zur Geltung brachte. Sie galt als absolute Karrierefrau, die unter den nachlässigen Schluffis im Süden leichtes Spiel damit hatten, alle Abkürzungen auf der Karriereleiter als erste zu finden. Die Gerüchte, dass auch sie nicht ganz sauber war, rührten relativ offensichtlich aus der üblichen Mischung aus Neid und Sexismus, florierten aber dennoch ganz prächtig und wurden noch durch den Umstand genährt, dass Briand sich so weit es ging von den Kollegen des Reviers fernhielt. Wie man munkelte, verkehrte sie in besseren Kreisen. Parisern, wie man zu sagen pflegte.

»Es wird euch nichts anderes übrig bleiben, als damit schneller als sonst weiter zu kommen«, sagte sie mit Nachdruck. »Ich muss wissen, wer der Tote ist und warum er getötet wurde. Seit Monaten ist Unruhe in den Vierteln, die Dealer sterben wie die Fliegen. Irgendwer lehnt sich gegen Costa und die anderen eingesessenen Paten auf. Ich muss wissen, was das zu bedeuten hat.«

»In den Häusern wird aber niemand mit uns reden. Egal, was wir anstellen.«, sagte Cazal und wies auf die Blocks, die durch ihre Ringstruktur in der Dunkelheit besonders stark an eine Festung erinnerten. Omertà, die Schweigepflicht, verlangte von den Gangmitgliedern und ihrer Umfeldern, taub, blind und stumm zu sein. Damit zu brechen war lebensgefährlich, besonders dann, wenn man in den Cités zu bleiben gedachte, und wegziehen war für die meisten nicht möglich. 

Ohnehin vertraute niemand hier der Polizei. Bürgermeister Gaudin war seit weit über 20 Jahren im Amt und hatte die Siedlungen längst aufgegeben. Das organisierte Verbrechen und die Politik pflegten eine jahrhundertealte Bande. Der Filz blieb in der Stadt so hart wie der Beton der Vorstadtblocks und die Kriminalität wurde immer schlimmer. So lange sich die Kriminellen in den Vierteln aber nur selbst umbrachten und der Drogenkrieg auf die Vororte beschränkt blieb, war alles halb so wild. 

Briand war dafür bekannt, nach Gaudins Regeln zu spielen und sich nicht mit den falschen Kämpfen unnötigen Kontakt mit normal Sterblichen oder gar schlaflose Nächte einzuhandeln. Heute schien ein Tag zu sein, an dem sie zu kämpfen bereit war. Ihr Gesicht strahlte grimmige Entschlossenheit aus.

»Dann dehnt die Regeln. Droht denen, wenn es sein muss!«

Garcia und Noreau tauschten einen verwunderten Blick. Es musste einiges auf dem Spiel stehen, damit eine Ermittlungsrichterin wie Briand ihre Vollzugsbeamten einigermaßen deutlich dazu aufforderte, Gesetze zu brechen, um Ermittlungserfolge zu verzeichnen. Und das auch noch in diesem Bereich des Nordens, in dem aus Polizisten längst zuschauende Statistiker geworden waren und selbst eiserner Willen und Kompromisslosigkeit nichts mehr an der allgemeine Lage zu ändern vermochte. Jeder gute oder grenzübertretende Vorsatz änderte nichts daran, dass die Banden besser zu drohen imstande waren, egal, wie weit die Polizisten die alltäglichen Grauzonen in die tiefdunklen Bereiche auszudehnen bereit waren.

Einer der Gestalten in Weiß rief sie vom Gebüsch neben der Hütte an und winkte sie zu sich.

»Ich habe etwas gefunden«, sagte der Mann, als sie vor ihm standen und wies auf eine Blume, die in Bodennähe zwischen zwei Dornenbüschen klemmte. Briand bückte sich und verharrte minutenlang, als müsste sie einen weiteren Toten studieren. 

»Eine rote Gladiole«, murmelte sie, als sie wieder aufgestanden war. »Wie lange liegt die schon hier?«

»Vorhin hat es kurz geregnet, die Blüte ist trocken, also keine zwei Stunden. Da sich sonst niemand hier herumtreibt, wurde sie möglicherweise vom Täter mit der Leiche hier abgelegt.«

Briand entließ den Mann mit einem Nicken und sah mit nachdenklicher Miene zum Autowrack hinüber. 

»Mit roten Gladiolen sprechen die chinesischen Triaden traditionell ihre Todesdrohungen aus. Allerdings wird sie normalerweise Todgeweihten als letzte Warnung verschickt und eine Warnung war dem Mann da hinten nicht mehr vergönnt.«

Die chinesischen Triaden kamen ursprünglich aus Hongkong, hatten ihr Netzwerk auf die ganze Welt ausgedehnt. Sie arbeiteten so verschwiegen, dass nur einige ihrer Methoden und Machtzentren bekannt waren. Neben der »Wo«-Gruppe in den Niederlanden und der »Fourteen-K-Bande« in Manchester war der »Big Circle« in Paris legendär. In Marseille wurden die Triaden nur selten auffällig, wenn Schutzgeldeintreibungen eskalierten, ansonsten agierten sie im Verborgenen. Meistens wurden selbst blutige Konflikte intern geklärt und Morde als Unfälle getarnt, die Eingeweihten eine deutliche Warnung waren, der Polizei aber meist nur Rätsel aufgaben. Dass nun vor der Haustür der korsischen Mafia eine solche Gewalttat verübt und vermeintlich als allgemeinverständliche Drohung inszeniert wurde, deutete auf eine seltsame Eskalation hin, die ihnen in den nächsten Wochen sicherlich noch zu schaffen machen würde.

Garcia hockte sich neben die Blume hin und legte den Kopf schief

»Also ahmt entweder jemand den Stil der Triaden nach oder die Gerüchte stimmen, dass es die Krieger des Osten sind, die an den Verhältnissen rütteln und ungewöhnlich offen um die Drogenreviere der Stadt kämpfen.«

Briand starrte auf die Blume und knete ihre Lippen.

»Genau deswegen muss ich noch dringender wissen, was hier passiert ist.«

»Wir werden unser Bestes geben«, murmelte Garcia und stand wieder auf.

»Nicht ihr«, antwortete Briand. »Ihr haltet euch bereit für alles, was sonst noch reinkommt. Cazal und Mahé, ihr bearbeitet diesen Fall und holt euch die Unterstützung von der Police National, die ihr brauchen könnt. Jegliche!«

Sie drehte sich zum Autowrack um, die Audienz für in Ungnade gefallene Polizisten war beendet. Noreau merkte, wie sehr es Garcia an die Nieren geht, dass die beiden ungeliebten Kollegen schon wieder einen hochprofilierten Fall übertragen bekamen und ihm und seinem Novizen anscheinend niemand etwas zutraute. Er zog ihn weg und lotste ihn hinter die Absperrung, ehe sein italienisches Temperament ihn in Schwierigkeiten brachte. 

»Als würden wir nicht existieren, verdammt«, schimpfte Garcia, als sie wieder bei ihrem Wagen angekommen waren. 

»Dieses Mal bin ich ganz froh«, antwortete Noreau. »Wird eh nicht viel bei rauskommen.«

»Oh doch! Das riecht nach Bandenkrieg und großer Presse. Vielleicht hat tatsächlich ein neuer Röster mit Schlitzaugen das schießwütige Parkett unserer Stadt betreten. Da wird es eine Menge zu holen geben. Unvermeidlich!« 

»Mahé und Cazal werden nicht einmal die Identität des Toten herausbekommen, wenn die Banden das nicht wollen. Die bezahlen die beiden zu gut«, antwortete Noreau. »Und wenn das tatsächlich ein Neu-Röster war, der den Korsen in ihrem Revier auf der Nase herumtanzt, werden nicht einmal die etwas wissen.«

Garcia starrte weiter auf das Treiben am ausgebrannten Wagen.

»Wahrscheinlich hast du Recht«, murmelte er. Er sah noch einmal hoch zu den beiden Teenies auf den Mofas und ließ dann den Motor an. »Ich brauche jetzt trotzdem einen kräftigen Absacker.«

2. Tod in der Badewanne

»Das ist das dritte Mal in drei Monaten, dass uns ein Fall weggenommen wird und jeder hatte mit Eskalationen im Mafia-Milieu zu tun. Das kann kein Zufall sein«, sagte Garcia und stellte sein Pastis-Glas auf den kleinen Holztisch. Seine normalerweise makellos geordnete Scheitelfrisur hatte im Laufe des langen Arbeitstages Schaden genommen. Schwarze Strähnen fielen vereinzelt in Richtung der nussbraunen Augen, die Noreau durchdringend musterten. »Andererseits bist du seit drei Monaten da. Also, wenn Briand zu Recht denkt, dass Costa und die anderen Paten dich als Ratte geschickt haben oder du sonst irgendetwas ausgefressen hast, sag es lieber gleich.«

Sie saßen in einem italienischen Eckrestaurant auf der Place de Lenche im Panier-Viertel, dem legendären Migrantenquartier am alten Hafen, das über die Jahre aufwändig saniert worden war. Man hatte Häuser nach italienischem Vorbild bonbonfarben gestrichen und für wohlhabendere Bewohner hergerichtet. Das alte Armenhospiz in seiner Mitte war mittlerweile zum schicken Museum umfunktioniert. Gassen waren verbreitert worden, aber Plätze wie dieser waren ihrer Herkunft treu geblieben. Ungeschminkt zeugten sie von einer wilden Vergangenheit, die nur noch in Geschichten fortlebte, aber immer noch zu erahnen war, wenn man sich nach Einbruch der Dunkelheit im verwinkelten Gewirr der Häuserschluchten verlor.

Noreau ließ seinen Blick über die halbgefüllten Stuhlreihen des Platzes bis zu den Treppen der Rue Henri Tasso gleiten, in deren Flucht man die Masten der Segelboote im Vieux Port sah. Dass Garcias Niedergang mit seinem Dienstantritt zusammengefallen war, war selbst für Garcias Fantasie zu absurd. Trotzdem unterließ Noreau es, in die Konfrontation zu gehen. Er hatte es gut verborgen, dass er es in seiner ersten Karriere mehr als genug Umgang mit Costa und anderen Größen aus dem Schattenreich gepflegt hatte, aber er wollte Garcia nicht auf die Spur setzen. Der Partner stand sich mit seinem Temperament selbst im Weg, aber er hatte gute Instinkte und noch bessere Kontakte. So gelangweilt, wie sie derzeit oft im Revier auf Beschäftigung warteten, könnte er auf die Idee kommen, sie zu nutzen und damit im Zweifel Noreaus junge Karriere als Ordnungshüter mit einem Schlag beenden.

»Ich habe nichts ausgefressen«, sagte Noreau und leerte ebenfalls sein Glas. Garcia ließ seine Laune zu oft an seinem Partner und vermeintlichen Nebenbuhler um Lamars Gunst aus. Noreau hatte weder ihm noch Lamar Anlass zu Tadel gegeben, aber er fühlte mit Garcia. Unter dem Strich hatte er ihn als charmanten und umgänglichen Kerl kennengelernt, seine Bitterkeit brachte allerdings niemanden weiter. Sie verstellte den Blick auf die wahren Tücken und Fallgruben, die im korrupten Ämtergewirr von Marseille tatsächlich ihre Arbeit behinderten. 

»Vielleicht ist genau das bei der Richterin das Problem«, sagte er. »Wenn Briand auch zu den Kollegen gehört, die sich von Costa und den Korsen das Gehalt aufbessern lassen und nur zum Schein extra laut Ergebnisse fordern, ist sie bei unseren ungleichen Freunden besser aufgehoben. Wir beiden sind dann nur im Weg.«

Noreau ahnte, dass Garcia sich nicht so leicht zu beschwichtigen war und es noch dauern würde, bis er mit seinem Gang an den heimischen Herd auch Noreau in den Feierabend entließ. Aus den Geschichten der anderen hatte Noreau entnommen, dass Garcias Laune sich in der letzten Zeit verschlechtert hatte, es mit ihm aber immer speziell gewesen war. Niemand im Revier wusste, ob Garcias teure Klamotten und Anzüge tatsächlich auf reichhaltige Nebenverdienste hindeuteten oder er sein letztes Geld für den Anschein ausgab. Seinen Ehrgeiz und seine Verbissenheit hingegen kannten auch die Pförtnern und Reinigungskräfte. All das fiel bei Garcia auch deswegen so drückend aus, weil er seine Tante und und Mutter mit durchfüttern musste. Sie waren aus Sizilien nachgereist und hatten sich in der Wohnung nebenan einquartieren lassen. So konnten sie Garcias Frau mit den drei Kindern helfen, hatten aber nahezu pausenlos die Möglichkeit, den Status Quo zu hinterfragen und den »pater familias« bezüglich etwaiger Umzugspläne zu löchern. 

Garcias Wohnungen lagen zwar zwar zentral und Blick auf die Kathedrale Notre Dame de la Garde in der Rue de Lodi, wurden aber für einen Mann mit seinen Fähigkeiten als zu klein angesehen. Zudem war der Vorplatz ein Schandfleck aus Beton und die Fassade nicht so schön italienisch gefärbt, wie die sanierten Häuser am Cours Julien, in denen der selbst der lahmarschige Jungspund von Partner es geschafft hatte, ein Penthouse zu ergattern.

Als Noreau merkte, dass Garcia ihn noch immer mit diesem Möchtegern-Röntgenblick musterte, sah er zur Bar hinüber. Erleichtert stellte er fest, dass der Restaurantbesitzer Toni sich durch die Stuhlreihen schlängelte und ihren Tisch ansteuerte. Bei Garcias Stimmung würde eine Neiddebatte besonders anstrengend ausfallen und Toni brachte immer genug Schnaps und Anekdoten mit, um Garcias Gedanken auf anderes zu lenken.

Mit einem Seufzen setzte sich der beleibte Italiener mit dunklem Lockenkranz auf dem ansonsten kahlen Schädel zu ihnen. Geschickt wie ein Magier zog er unter seiner Schürze eine Flasche Grappa hervor und goss ihnen nach. Garcias Stammlokal lag eigentlich nebenan in der Rue du Panier, aber seit sie Toni direkt nach Noreaus Dienstantritt zufällig vor einer Vergeltungsmaßnahme der lokalen Gangster bewahrt hatten, hatte er stetig mit Gratisschnäpsen und sonstigen Abwerbungen dafür gesagt, dass sie auf seinen Tischen und in Sichtweise der Dealer ihre Feierabenddrinks tranken. Meistens redete er zu viel, aber die Pasta war sensationell und der Grappa war ein sizilianischer Direktimport, dessen Genuss nur dem Chef und ganz besonderen Gästen vorbehalten war. Mit Leichtigkeit tröstete er über Tonis Lamento genauso hinweg wie über Garcias Stichelein. 

Nachdem Toni an diesem Tag die drückendsten Sorgen heruntergespült hatte, berichtete er ihnen, dass der neueste Akt der barbarischen Stadtverwaltung vorsah, den alteingesessenen Umgang mit Wäsche unter Strafe zu stellen. Seit Urzeiten hingen die Leute im Panierviertel und in ganz Marseille die Wäsche aus den Fenstern. Da man den Touristen aber noch bessere Fotomotive bieten konnte, wenn keine Unterhemden und Handtücher die bonbonfarbeneren Fassaden verhängten, sollte damit ab sofort Schluss sein.  

»Das Schlimmste ist, dass es uns drangsaliert und vermeintlichen Zigeunerpraktiken ein Ende bereitet, der rechten Schweinebande aber nicht den Wind aus den Segeln nimmt«, sagte Toni und nickte unauffällig zu einem Mann im grauen Pullunder, der an einem Tisch des Nachbarlokals ein in Leder gebundenes Buch las. Noreau kannte das seltsam neutrale Gesicht von Wahlplakaten der rechtspopulistischen Partei »Front National«. Der Mann war irgendein Millionär mit umfassender PR-Kasse, aber ein Aal sondergleichen, den selbst Disney nicht zum Bürgerfreund hätte hochstilisieren können. 

Noch vor einiger Zeit hätte Noreau es nicht für möglich gehalten, den Mann in offiziellem Amt und auf den Fluren des Rathauses zu sehen, aber die FN hatte im Zuge der eskalierenden Kriminalität in den Vororten und dem global aufkommenden islamistischen Terror so einen Aufwind bekommen, dass die Partei bei der Kommunalwahl sogar den erstarkten Sozialisten den Rang abgelaufen hatte und als zweitstärkste Kraft ins Rathaus eingezogen war. Bei den nationalen Präsidentschaftswahlen lag der Hoffnungsträger der Front mittlerweile fast gleichauf mit dem Kandidaten der regierenden Republikaner. Ein erst als langweilig eingestuftes Rennen geriet so zum Drama mit ungewissem Ausgang. Siegesgewissheit war im Pariser Élyséepalast urplötzlich in blankes Nervenflattern umgeschlagen und bisher hatte keiner der eilig produzierten Fernsehclips den Trend wenden können. In Italien sah es ähnlich finster aus. Auch dort waren rechte Parteien auf dem Vormarsch, was Toni als glühendem Sozialisten besonders drückend auf der Seele lag.

»Was soll´s« sagte Toni, nachdem er seinen Rundblick durch Europa beendet hatte und stemmte sich aus seinem Sitz hoch, als von der Bar her sein Name gerufen wurde. »Wir werden die Schweinepriester schon noch abgewählt bekommen. Hier und in bella Italia.«

Garcia sah ihm gedankenverloren hinterher und trank einen Schluck. Vergeblich suchte Noreau in seinen Augen nach dem angeregten Leuchten, mit dem Partner sonst nach einigen Schnäpsen mit beruhigender Zuverlässigkeit zu Gleichmut und dolce Vita zurückfand.

»Trauerst du wirklich immer noch einem Fall hinterher, der uns nur Ärger bereitet hätte?«, fragte er. Garcia sah mit seltsamem Blick zum Abgeordneten hinüber und ließ sich nicht anmerken, dass er Noreaus Frage vernommen hatte. Noreau fragte sich, ob die Vermutungen bezüglich der Sympathien für Rechtsideologien bei Garcia tatsächlich der Wahrheit entsprachen, trank ebenfalls sein Glas aus und lehnte sich zurück. »Wenn dieser Untergrundkrieg tatsächlich kommt und die chinesischen Triaden mitmischen, werden wir noch mehr damit zu tun bekommen, als uns Recht ist. Wir können ruhig die Zeit genießen, die wir davon verschont bleiben.«

Garcia riss sich aus seiner Gedankenverlorenheit.

»Ich weiß auch, dass der Castellane-Fall eine Sackgasse ist, eine unangenehme dazu«, antwortete er. »Für meinen Geschmack wurden wir in der letzten Zeit aber aus zu vielen Fällen herausgehalten. Ich weiß nicht, warum und ob es die oder etwas mit dem zu tun hat, was in der Stadt vorgeht oder wirklich mit dir. Aber eins ist sicher: Ich bekomme davon nicht das geringste mit.«

Garcia verschwieg wie immer seine Vorgeschichte, aber auch Noreau hatte in den kurzen drei Monaten darunter gelitten, wie sehr sie zu Paria geworden waren. In seinem bisherigen Leben war Noreau dem Tod aber so oft im letzten Moment von der gierigen Schippe gesprungen, dass er sich nicht zu sehr an solchen Kleinlichkeiten aufrieb. Ihm hatte seit jeher das Talent für unbeschwertes Glück gefehlt, aber er vergaß nie, wie froh er sein konnte, diesen Beruf überhaupt noch ausüben zu dürfen, mit dessen Alltag Garcia so wortreich haderte.

»Noch einmal die Fakten«, sagte Garcia. Er räumte die Mitte des Tisches frei und stellte die Gewürzstreuer an den Seiten auf, als bräuchte er den Platz für Strategiespielchen. »Es gab bisher vier Tote, die verbrannt wurden und nur von einem haben wie die Identität herausbekommen.«

»Der war aber nur einer der Dealer aus der untersten Führungsriege. Eine Vergeltungstat, weil er in die eigene Tasche gearbeitet hat.»

»Das nehmen wir an, weil die Gerüchte darauf hingewiesen haben. Das kann aber auch gezielt gestreut worden sein.«

»Warum sollten die Triaden solche Gerüchte streuen, wenn sie wirklich für die Tode verantwortlich waren? Die haben doch keine Angst vor uns.«

»Nein, aber sie arbeiten immer im Verborgenen und lassen sich nicht in die Karten schauen. Seit Langem wird vermutet, dass die Eskalation inklusive der gerösteten Leichen zu einer Offensive gehört, die die Dominanz der Korsen brechen soll. Vielleicht müssen die Triaden erst ein paar der etablierten Mafia-Säulen umhauen und im Hintergrund Dinge vorbereiten, ehe sie zur wirklichen Großoffensive übergehen.«

Die Korsen waren zu den goldenen Zeiten der »French Connection« weltberühmt geworden, indem sie zur führenden Macht im weltweiten Heroinhandel aufgestiegen waren. Schon seit den 20er Jahren hatten sie durch geschickte Allianzen mit Politikern und skrupellosen Schlägertruppen, zumeist des rechten Lagers, die Macht in Marseille an sich gerissen und trotz der Umbrüche im internationalen Drogengeschäfte saßen sie in Frankreichs Süden immer noch fest im Sattel. Bis jetzt.

»Und worin soll die Großoffensive bestehen? Costa umbringen?«

»Das wird nicht reichen, aber etwas in der Richtung wird es geben. Etwas Großes  und ich sage dir, dass das heute Abend dazu der Auftakt war.«

Noreau ersparte sich eine Antwort auf Garcias Prophezeiung und zwängte sich durch die Stuhlreihen Richtung Tresen. Er erleichterte sich auf der Toilette und blieb dann vor seinem Spiegelbild stehen, als könnte es, orakelgleich, das Gefühl von Dringlichkeit als haltlos entlarven, das auch er bei den Entwicklungen der Nacht und der letzten Wochen empfand. So lange er auch sich selbst anstarrte, das Gefühl wurde um keine Deut schwächer. 

Die braunen Augen zeugten nur blutunterlaufen vom langen Tag, die dunklen, kinnlangen Haare fielen über die viel zu früh ergrauten Koteletten. Zum ersten Mal in seinem Leben kam es ihm so vor, als ob er alt aussah. Er war erst 29 Jahre und hatte trotz des fast permanenten Jetlags und der Drogen, die seine steile Musikerkarriere nahezu unweigerlich bedingt hatten, immer eher jünger ausgesehen. Vielleicht waren es die Abstinenz und seine neue Mission als Polizist, die ihm zwar ein sinnvolleres Leben bescherten, ihn aber im Zeitraffer altern ließen. 

Schnell löste er sich davon und strebte durch den dunklen Gang ins Freie. Als er sich durch eine Touristengruppe wieder zum Tisch durchgekämpft hatte, hatte Garcia schon bezahlt. Obwohl Noreau es gut versteckte, wusste Garcia insgeheim, wie viel mehr Geld Noreau besaß und bemühte sich umso eifriger, den Partner öfter einzuladen. Noreau hatte noch nie einen Weg gewusst, damit umzugehen, ohne peinlich berührt zu sein. Er versteckte seinen Reichtum, und sein altes Leben. Trotz der Hypothek, einen Mafiapaten als Ziehvater zu haben, fokussierte er sich so ernsthaft wie möglich darauf, als Polizist ernst genommen zu werden, wusste aber auch, dass ihm das bisher nur zum Teil gelungen war. 

Sie nickten Toni zum Abschied zu und schlenderten, angeregt vom Grappa und Spaghetti Vongole, durchs Panier-Viertel. In den Gassen spielten die Kinder Fußball, Nachbarn unterhielten sich von Fenster zu Fenster, während Touristen mit verlorenen Blicken und zerknickten Straßenkarten in den Händen unter ihnen entlang schlurften. 

Auf einmal zerriss ein Schrei das temperierte Gemurmel in der dunklen Gasse.

Marseille war trotz aller verordneten Kosmetik immer noch eine laute Stadt, vulgär und ohne falsche Scheu. Beide Polizisten waren abgestumpft davon, merkten nun aber sofort, dass an dem Schrei etwas ganz anders war. Sie sahen sich an und horchten einen Moment angestrengt, dann liefen sie die enge Gassen hinauf, die ihnen am aussichtsreichsten vorkam. 

In der Nähe der Place des Moulins stießen sie auf eine kleine Menschenansammmlung vor einem Wohnhaus. Am Rand bei den Mülltonnen erkannte Noreau einen Kleindealer, der von allen im Viertel nur »Cebo«, die Zwiebel, genannt wurde, weil er jeden Morgen zur Aufrüstung seines Immunsystems in eine provenzalische Zwiebel biss und ihre gehaltvolle Schärfe den ganzen Tag wie eine Wolke mitschleifte. Cebo war ein kleinwüchsiger Sinti, mit dem Noreau in jüngeren Jahren auf den Straßen des Viertels Gitarre gespielt hatte. Er war einer der wenigen, die Noreaus wahre Identität kannten und sich aus Angst vor Costa und Respekt vor Noreaus toten leiblichen Vater, dazu entschieden hatte, sie zu schützen. 

Cebo nickte Noreau mit schiefem Lächeln zu. Als er Garcia sah, wollte er sich unauffällig verdrücken, aber Noreau hielt ihn auf. 

»Was ist hier los?«, fragte er und drängte Cebo zu einem ruhigen Kellerabgang.

»Einer ist angeblich draufgegangen«, antwortete Cobo und sah unruhig von einem zum anderen. »Der Täter ist entwischt, hinten raus.«

»Wann?«

»Na, gerade eben.« 

Sie ließen ihn stehen und drängten sich durch die Menge an Schaulustigen. Als der Summer ertönte, drückten sie die schwere Eingangstür auf und rannten das mit Gemälden und Stuck verzierte Treppenhaus hoch. Oben wurden sie von der Putzfrau in Empfang genommen, die mit in die Hüfte gestemmten Fäusten an einem geöffneten Fenster Ordnungshüter erwartete. 

»Der ist weg«, sagte sie und musterte sie unverfroren. »Hat mich angerempelt, als ich rein wollte. Er …«

»Und drinnen liegt ein Toter?«, unterbrach sie Garcia. 

»Ja. Der kann ja nicht mehr weglaufen.«

Sie geboten der Frau zu warten und postierten sich mit gezogenen Waffen links und rechts der angelehnten Wohnungstür. Auf Garcias Kommando drückte Noreau die Tür auf und schnellte in den schummrigen Flur. 

Der Salon war mit Kerzen erleuchtet. Auf dem Schreibtisch am Fenster lag ein umgekipptes Weinglas, ansonsten war das Zimmer leer. Durch den dunklen Flur tasteten sie sich zur angelehnten Badezimmertür vor und sahen vorsichtig um die Ecke. 

Der Raum wurde ebenfalls von Kerzen erleuchtet, trotzdem war der Haarschopf deutlich zu erkennen, der einen Zentimeter über den Badewannenrand ragte. Noreau steckte seine Pistole ins Holster zurück und bückte sich zur leblosen Gestalt, die voll bekleidet und mit zur Seite gedrehtem Kopf im Badewasser lag. 

»Er hat noch Puls«, rief er Garcia zu. »Ruf einen Krankenwagen. Schnell!« 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.