Wie angekündigt, habe ich mich auf meinen 15 Jahre alten Erstling gestürzt und kann tatsächlich nicht genug davon bekommen. Mittlerweile habe ich damit begonnen, die Erzählperspektive von der dritten Person auf einen Ich-Erzähler zu verlagern und überarbeite fleißig. Das Buch ist ein Coming of Age-Roman wie Dorfpunks, Als wir träumten, Der Fänger im Roggen etc. Es ist in gewisser Weise typisch und hat damit Evergreen-Potential, vereinigt aber Elemente, die es zu etwas Besonderen machen könnten. Man wird sehen …

Damit Ihr einen Eindruck bekommt, poste ich heute einmal den rohen Anfang. Wie man sieht, habe ich schon damals eine recht innovative Struktur gewählt, der Roman ist mit derzeit 65.000 Wörtern für meine Verhältnisse (Gott sei Dank) sehr kurz. Ich werde versuchen, es so zu lassen 😉

Prolog

Manchmal liegt man nachts wach, weil man auf der Suche nach Erinnerung im Leeren fischt. Manchmal erwacht man und die Stille der Nacht offenbart einem, dass es in ihr nichts anderes mehr gibt als Erinnerung.

Die Bilder des Traumes verblassen und werden doch noch gefühlt, verlieren sich in den dunklen Gängen des Gewesenen, in die man sie nicht einmal dann verfolgen kann, wenn man die Augen wieder schließt und die Zeit für ein paar Minuten aufhält. Zurück bleiben Schatten und die Sehnsucht nach diesem einen Gesicht, das in der Erinnerung gefangen war und die Welt nun allein deswegen in ein seltsam kaltes Kleid hüllt, da es in ihr fehlt.

Die knochigen Hochbahnentrassen, der noch nicht ganze verebbte Verkehr auf den Straßen und die Lichter des Hafens auf der anderen Seite des Flusses bilden nur eine Kulisse aus Bewegung, in der in allem ihr Bild thront. Die eben noch alles verschlingende Wärme verliert sich in der Großstadtkulisse, hält sich fest im heimatlosen Raum zwischen den Tagen und schürt die Angst vor neuen Träumen, in denen sie nicht ist. Schlaf wird zum Feind und die Bilder der Nacht zur einzigen Hoffnung der Tage, in die man erst zurückkehren möchte, wenn man diese Wärme wiedergefunden hat; wenn man seinen Weg erschlossen hat, wie man das alles wieder mitnehmen kann …

Obwohl Jona sie schon so lange nicht mehr gesehen hat, dass er manchmal übergewichtigen Damen auf der Straße nachsieht, da er hinter den fetten Wangen ihr zartes Gesicht von einst zu erkennen meint, bedeckt sie in solchen Nächten alles; in solchen Nächten, in denen sein Herz sich erinnert.

 

Kaleidoskop1:

Delia und ein zerbrochener Himmel

Delia …

Als sie damals nach einem Jahr Amerika Anfang des 11. Jahrgangs in unsere Stufe kam und mit leuchtend rotem Lippenstift, zwei seitlich geflochtenen Schulmädchenzöpfen und kniehohen schwarzen Lederstiefeln den Raum unseres Deutsch-Leistungskurses betrat, war ihr Ruf ihr schon vorausgeeilt: Ein mit ihr gereister Junge hatte überall in der Schule herumerzählt, dass sie sich am Anfang ihres Amerikaaufenthaltes in der Rangliste der 20 reichsten Jünglinge langsam zielstrebig zur Kronprinzessin des unangefochtenen Königs der Redwood High School hoch geschlafen hatte und bei ihm geblieben war.

Alles an ihr schien dieser Geschichte Recht zu geben: Mit ihrem süßen Klein-Mädchen-Lächeln und dem sorgsam bis zum BH-Ansatz aufgeknöpftem Hemd wirkte sie wie eine merkwürdige Mischung aus Vamp und kindlicher Kaiserin. Ihr Schlafzimmerblick und ihre royale Körperhaltung, mit der sie förmlich über die Flure und über den Dingen zu schweben schien, waren vom ersten Tag an Schullegende. Etwas an ihrer Erscheinung hielt selbst Siebtklässler nicht davon ab, bei ihr landen zu wollen. Bald erzählte man sich wahlweise, dass sie in Amerika neben der Schule als Callgirl gearbeitet hatte oder sich für einen arabischen Prinzen aufsparte, der mindestens 500 Kamele für sie geboten und damit ihren Marktwert selbst für Mr. Highschool in selbstzerstörerische Höhen getrieben hatte.

In Rekordzeit machten sich auch die Ungeeignetsten bereit, nun wenigstens temporär das royale Staffelholz zu übernehmen, um ihr die Rückkehr in die kalte Heimat zu versüßen. Selbst wenn es an unserer Provinzschule aber so etwas wie einen König gegeben hätte, wäre er in ihrer entrückten und von kalifornischer Sonne verwöhnten Welt nicht über den Status eines Türöffners hinausgekommen. So viel hätte auch den Dümmsten klar sein müssen.

Ich interessierte mich nicht besonders für sie. Das redete ich mir zumindest ein, dabei konnte selbst ich mich nicht ihrem Mythos entziehen. Während ich sie auf ihrem Platz in der Ecke betrachtete, stellte ich mir vor, wie sie bei der nächsten Scheunenparty trotz wohltrainierter Weibeskraft und scheinbar sicherem Status als amerikanische Interims-Schneekönigin nackt auf einer Obstwiese endete, weil Doppelkorn seine eigenen Legenden schuf und die versierteren Dorfstecher ihre eigenen Tricks und Kaliber hatten.

Spätestens auf dem Weg zur ersten Abi-Party des neuen Schuljahres hatte diese Vorstellung in meinem Kopfkino Breitbandformat erlangt, da Delia den Rest der Woche neben mir gesessen hatte und nichts, abgesehen von ihrer kunstvollen Schnörkelschrift, diesem Profil des leichten Mädchens widersprochen und nichts in ihren maskenhaft schönen Zügen eine Annäherung an ihr neues Leben in der teutonischen Flachland-Pampa signalisiert hatte.

Wenn ich damals nachgedacht hätte, wäre mir aufgefallen, dass dieser erste Eindruck sich hauptsächlich deswegen verhärtet hatte, weil sie kaum etwas gesagt, sondern oft nur still gelächelt hatte. Auch ihre Schrift hätte mir zu denken geben müssen. Ich war ein Vollchaot, der eine Schrift und Seele wie ein halbherziger Orkan im Atlantik hatte. Delias kunstvoll geschwungene Worte erinnerten mich schmerzlich an die Orte, die in meinem bisherigen Leben immer gefehlt hatten: Mädchenschlafzimmer mit von Tüchern verhangenen Betten und getrockneten Rosen an den Decken; Orte, nach denen ich mich immer gesehnt hatte und die mir das Leben bisher aus diversen Gründen vorenthalten hatte.

Fee …

In der realen Party-Welt war es dann auch mir vorbehalten, mit einem Mädchen, das ich kaum kannte, auf einer Kuhkoppel zu landen. Sie hieß Fee und hatte vor ihrem Abgang in der siebten Klasse kurz neben mir gesessen. Ich hatte schon gut geladen und hätte sie im ersten Moment fast nicht erkannt, als sie mir auf der Anhöhe neben der kleinen Sandkuhle auf die Schulter tippte. Sie hingegen schien sich so gut an mich zu erinnern, dass sie mich sofort ihrer Schwester vorstellte und seltsame Blicke mit ihr wechselte. Bald wurde die Unterhaltung so haptisch, dass das Ganze eine gewisse Dynamik bekam und ich aus wenig belastbaren Gründen die Schwester stehen ließ, um mich mit Fee von der Party zu verabschieden.

Auf dem Weg in diskretere Feld-Regionen bekam Fee schlagartig Bedenken, weil ihr auf einmal ihr Freund wieder einfiel, der sich im Bierzelt beim Lagerfeuer ahnungslos aber lautstark einen reintankte. In einem sonderbaren Kuhhandel versuchte sie, mir nahe zu bringen, dass ihre Schwester die wahre Granate und passenderweise Single war, doch ich lehnte dankend ab. Es war bedeutungslos: sie, ihre Schwester oder irgendwer sonst. Ihr Freund war ein aufgeblasener Gockel und mein Gewissen schwamm eh gleichgeschaltet im Bier. Alles war zum Spiel verkommen. Die Nacht war ein Halblicht-Reigen, den mit meiner eigentlichen Wirklichkeit nicht das Geringste verband. Ich verlor mich nur in ihrem Nebel, half Fee über den Stacheldrahtzaun und folgte den Bewegungen ihrer Hände in die Vision einer besseren Welt, an die ich eigentlich selbst nicht glaubte.

Als sie sich aber ohne ein weiteres Wort komplett auszog und meine Hand über ihren milchig im Mondlicht glänzenden Körper führte, während ihre andere die straffe Stelle unterhalb meines Gürtels rieb, umschlossen meine Lippen ihre warme Zunge, als könnte man das Glück aus ihr heraussaugen; als gäbe es dort Antworten, die ich vorher nur nicht in Betracht gezogen hatte.

Mit geübten Bewegungen löste Fee meinen Gürtel und streichelte so sanft meinen Po, dass mein Schwanz ihr förmlich entegenhüpfte. Während kalter Wind meine nackten Lenden umwehte, umklammerte sie ihn und sandte mit den Bewegungen ihrer hohlen Hand kaum aushaltbare Magnetwellen in meinen ganzen Körper. Ohne Umschweife breitete sie ihre Jacke auf einem Stück Gras neben der Viechertränke aus und zog mich zu sich herunter. Irrealer Schwindel überfiel mich, als ich mich auf sie legte und in süßer Trance aber wenig überzeugend dem Erwartbaren nacheiferte. Mit ihren Füßen hämmerte sie mir den Takt ein, bis sie mich auf den Rücken drehte und die Sache, in Wallung geraten, selbst in die Hand nahm.

Es endete zu schnell, um es fassen zu können. Für einen Moment hatte die sternlose Nacht sich wie eine wohlige Decke über mich gelegt und in dieser seltsamen Welt Linderung versprochen. Fees Gesicht hatte sich über mir im irgendwo der Bewegungen verloren, während meine Finger ihre bebenden Brüste gejagt und dann halb von Sinnen ihren glatten Po umklammert hatten, als wäre er die ganze Welt.

Für einen Moment war ich zuhause in allem gewesen, nun wurde dieses alles in Rekordzeit kalt und feucht. Die Kühe kamen neugierig näher und es wirkte unpassend, dass Fee sich auf dem Rückweg selig an mich schmiegte. Auch als von der Nachbarwiese ein weiteres Spontan-Pärchen aus der Stufe über mir durch den Knick auf der anderen Seite zu uns stieß, empfand Fee keine Scham, sondern bedachte mich demonstrativ mit weiteren Küssen. Sie neckte mich und schien mich vor den Augen der anderen beiden für eine Neuauflage unseres Debütanten-Rodeos umgehend auf die nächstgelegene Wiese ziehen zu wollen. Der Schutz meiner Trunkenheit hatte sich im Reigen der Leiber aber verflüchtigt. Meine Erinnerung an mich selbst war zurückgekehrt, alles kam mir auf einmal falsch vor. Ich wollte nur noch weg.

Mit einem flüchtigen Kuss ließ ich sie auf der Anhöhe beim Lagerfeuer stehen und hastete in meiner einstmals weißen Hose zu meinem Fahrrad. Mittlerweile war mir richtig übel. Ich kämpfte mit Atemnot und raste doch so schnell durch die Nacht, dass ich unweit meines Elternhauses aus der Kurve flog und mit dem Rücken zum Himmel auf der Wiese landete.

Die Sterne im Himmel und der Dreck …

Schmerz verspürte ich damals nicht, nur den Dreck. Es war einer dieser Momente, in denen einsame Idylle nichts mehr rettete. Der enthüllte Vollmond und die vielen Sterne daneben. Die Ruhe der Spätsommerwiesen und die sanfte Bewegung der Schilfgräser standen so im Gegensatz zu allem in mir, dass ich es nicht mehr schaffte, den Schmutz als Produkt oder Kollateralschaden eines Spiels anzusehen. Ich selbst war dieser Dreck und alle aufrichtigen Wünsche verblassten, befleckten sich mit dem Dreck der Felder und mit den Gesichtern all jener Mädchen auf ihnen, die ich am liebsten vergessen wollte. Angefeuert vom Rausch und den Zwängen des öffentlichen Lebens, etwas in ihm darzustellen, war mir das Spiel entglitten und in dem Zuviel an Nichts bedeutsam geworden. Die Rosen zerfielen wieder, während der Himmel weiter dieses Lied von der Schönheit sang und die Idylle den Verräter mit Morgennebeln und von Vollmond durchfluteten Wiesen verhöhnte, auf denen zu allem Überfluss die Silhouetten der Pferde wie Fabelwesen silbrig durch den Dunst schimmerten.

Ich hatte mich damals auf dem Feld so dreckig gefühlt, dass ich mir auf einmal fast sicher war, mich soeben mit Aids infiziert zu haben. Wenn man bei 2,5 Promille auf einer Kuhkoppel entjungfert wurde und ansonsten meinte, sich das wahre Leben erträumen zu können, musste man sich wohl auch nicht wundern, wenn die eigene hypochondrische Veranlagung diese Schreckensvision für genauso real hielt, wie das Weiß der Träume.

Es half nicht, drei Stunden zu duschen oder vom Arzt gesagt zu bekommen, dass es zu unwahrscheinlich sei, wirklich infiziert worden zu sein, als dass sich der Stress eines Testes wirklich lohnte. Der Dreck blieb an mir kleben und wurde noch durch die Angst verhärtet, dass vielleicht doch ich selbst es gewesen war, der ihn angezogen hatte.

 

 

Kaleidoskop2:

Neue Wege und ihr jähes Ende

 

Ahnungen…

In der Schule, dem Hort der Tage auf der anderen Seite der Träume, verlebte ich ansonsten halbanwesend meine Tage. Die Welt dort war bis zur elften Klasse kein Ort wirklichen Lernens gewesen, sondern eine Olympiade des Nachplapperns und Stätte sorgfältigen Abschreibens von Abgeschriebenem. Nur ein Schattenspiel, dessen weibliche Gegenlichter unerreichbar auf der anderen Seite des Klassenzimmers posierten und in ihrer Unerreichbarkeit alle Träume nährten, überlebensgroß und katalysiert von epischer Langeweile.

Längst hatte ich die Halbwissensinseln lokalisiert, die mit erhobenem Pädagogenfinger eingetrichtert und turnusmäßig unwesentlich erweitert wurden. Das eine Jahr lehrte etwas, was das andere durch die gegebene Erweiterung faktisch revidierte. Als Botschafter des wahrhaftig Neuen begannen im Laufe der Jahre Hebelgesetze langsam und verzagt nach den Früchten der Längsten zu fragen. Im Matheunterricht bekamen wir Gehirnzuwachs in Form von jäh legalisierten Taschenrechnern. In Erdkunde verdeutlichten Klimadiagramme anschaulich, dass man im Regenwald eindeutig mehr Regentonnen füllen konnte als in den Slums von Mexiko-City und die Lektüre der dümmsten, aber für uns schon geeignete Englischbücher, vermengte sich neben Inhaltsangaben mit der Suche nach dem perfekten Nebensatz.

In dem Maße, wie ich Inhalt und Festigung in mir suchte, reduzierte sich der Inhalt des Schulalltages nahezu komplett auf die Frage, wer neben wem sitzt und warum.

Das Roggenfeld und der Globus… 

Sogar der Kampf um die Klassenrüpeltrophäe konnte mich zu dieser Zeit nicht mehr zufrieden stellen. Auch die schönsten Verweise, Strafarbeiten und Lehrerstreiche hatten weder mich mir selbst noch mir die Grazien auf der anderen Klassenzimmerseite näher gebracht, für die die Scharade ureigentlich abgehalten wurde. Darüber hinaus sprengte die Verzweiflung der Lehrer manchmal die eisernen Gesetze der Pubertät, so dass man mitten unter den anderen post-pubertierenden Raubtieren auf der Lümmelbank tatsächlich Mitleid und Scham empfand und erst Recht nicht wusste, wo man damit abbleiben sollte.

Salingers „Fänger im Roggen“ verlor seinen ausschließliche Vorbildfunktion als die Schule schwänzender Rabauke. Auch wenn bei der Buchbesprechung weiter das Offensichtlichste breitgetreten wurde, wusste ich, dass es mehr darüber zu sagen gab und ich war es leid, ständig an der Oberfläche zu kratzen.

Die Welt öffnete damals langsam ihre Tore, gewann an Größe und Tiefe und machte aus dem scheiternden Schüler Caulfield den verlorenen Menschen Holden, der ebenfalls sich selbst und das Wahre der Welt suchte und alle Antwortmöglichkeiten von den Lehrern im Unterricht noch ausgeschlossen wurden. Sie widersprachen dem Diktat der Lehrpläne, obwohl all das, sprachlos noch, doch jeden Tag ein wenig dringlicher, hinter den milchigen Scheiben der Klassenzimmer zu warten schien. Das Roggenfeld dehnte sich in die Weite des Globus und niemand gab mir die Stimme, mit der ich dem erwachenden Bewusstsein der Verlorenheit hätte entgegentreten können.

Es blieben Fragen stehen und die Forderung, dass Mauern fallen müssten, um den Gedanken das nötige Gefühl von Vollständigkeit vermitteln zu können – neben der bitteren Gewissheit, dass sie genau deswegen nicht fielen, weil die Wahrheit der Welt der größte Feind der Regulationszentrale Schule war.

Das Formelpapier und ein kurzes Erwachen…

Daher verspürte ich eine unbekannt große Hoffnung, als wir am Anfang dieser elften Klasse im Bio-Leistungskurs kommentarlos ein auf den ersten Blick kompliziertes chemisches Diagramm mit der Bitte überreicht bekamen, eine Weile darüber zu brüten. Ich hatte in den Jahren davor keine besondere Affinität zu Formeln und Formalien erkennen lassen, doch nun vergaß ich für ein paar Minuten alles um mich herum. Die Buchstaben und Zahlen verschmolzen zu einer Einheit, die ganz Gedanke war und die mich mit einer Aufbruchstimmung erfüllte, die an Euphorie grenzte.

Mein Leben lang hatte ich mich im alltäglichen Leben wie ein Klotz gefühlt, der nirgendwo wirklich hineinpasste. Schon als Kind hatte ich an vielen Tagen stundenlang auf der Schaukel gesessen, bis ich schließlich doch am Haus gegenüber klingelte, in dem die beiden Nachbarskinder spielten. Wir verbrachten fast unsere gesamte Zeit miteinander, es gab nicht einen Grund für Misstrauen. Trotzdem hatte ich auf der Schaukel erst ganze Ewigkeiten lang darüber nachsinnen müssen, ob es nicht vielleicht doch Gründe geben könnte, warum sie gerade an diesem Tag lieber ohne mich spielen wollten.

So ging es immer und es ging immer schief. Schon damals in meiner ansonsten unbeschwerten Kindheit rechnete ich ständig mit der Bösartigkeit der Welt und versuchte mich davor zu schützen, indem ich vor jeder Situation in langen Überlegungen abschätzte, ob sich dieses Hinterhältige in den kommenden Momenten gegen mich würde richten können.

Nur in den Momenten intensiver Beschäftigungen schwand diese nicht greifbare Schwere und an diesem Tag im Biokurs wurde das Formelpapier für ein paar Momente zur ausschließlichen Welt. Es gab neben den Gedanken keinen Raum mehr für Beobachtungen, Ängste oder Zweifel. Das taube Gefühl in meinen Schläfen schwand und es schien, als könnte mir dieses kleine Blatt für ein paar Minuten eine sorglose Heimat geben. Als würde der Eintritt in die gymnasialen Oberstufe wirklich Veränderung bringen.

Verordneter Schlaf…

Nach einer Weile merkte ich, dass die Mengenverhältnisse nicht stimmten. Als ich dies verwirrt dem Lehrer zu bedenken gab, reagierte dieser ungehalten, da die frühe Erkenntnis, die dazu auch noch über das sorgsam eingegrenzte Erkenntnisziel hinausreichte, seinen gemütlichen Zeitplan durcheinander wirbelte. Ich bekam einen Maulkorb verpasst und die Klasse befasste sich volle drei Doppelstunden mit dem Schema. Danach hatte die gesamte Riege der Musterschüler alle für die Klausur benötigten Definitionen und Ausdrücke fein säuberlich mitgeschrieben und Bestnoten ins Visier genommen, während ich nur hilflos die Zeitverschwendung und mein erneutes Abrutschen ins notentechnische Basislager beklagen konnte.

Wie bereits angedeutet, dachte ich immer ein wenig chaotisch und ließ manchmal Teile einer Gedankenkette in der schriftlichen Darlegung aus, weil sie mir selbstverständlich vorkamen, von denen mir aber absurderweise niemand glauben wollte, dass sie auch Gegenstand seiner Überlegung gewesen waren, obwohl ich zum richtigen Ergebnis kam.

Zu den anderen Missständen kam mein apokalyptisches Schriftbilld hinzu. Deswegen überraschte mich die mittelmäßige Note unter der ersten Bioklausur ebenso wenig, wie der vom Lehrer hinzugefügte Schlusssatz:

 

„Die Gliederung ist nicht überzeugend und das Schriftbild ist absolut

mangelhaft. Ich rate Ihnen daher, einen Beruf zu ergreifen, bei dem keine

Formen der schriftlichen Darlegung notwendig sind: Vielleicht Sänger!“

 

 

Kaleidoskop3:

Ein Karussell als Fluchtpunkt

 

Die Überwindung der Fantasie …

Der Deutschunterricht hatte dagegen sehr verheißungsvoll begonnen. Der Lehrer, Herr Neumeier, leitete die Ruder AG der Schule und galt allgemein als sehr fähiger Pädagoge, dessen einziger großer Fehler seine Leidenschaft für Grundsatzvorträge bildete. Wenn er sich in den großen Pausen der Raucherecke oder der Pausenhalle näherte, aktivierte sich das ausgeklügelte Frühwarnsystem seiner Ruderschützlinge. Von allen Seiten sah man sie dann auf die Toiletten oder in die Seitengänge flüchten, da sie nicht allzu großen Wert darauf legten, die Problematisierung des persönlichen Trainingsplans, die grundsätzliche Nachbereitung der letzten Regatta oder eine allgemeine Abhandlung über erfolgreiche Strategien im Schulalltag in der kostbaren Zeit ihrer Pausen über sich ergehen zu lassen.

Mit Arschrollen hatte ich nichts am Hut und ich kannte Herrn Neumeier nur aus den Erzählungen meiner großen Schwester. Da sie seine fachliche Kompetenz und seine Persönlichkeit selbst jedoch sehr gelobt hatte und niemand ihr Kompetenz in Schulsachen abzusprechen wagte, erweckte der zweistündige Vortrag Neumeiers über seine Sicht auf das Fach Deutsch als Leistungskurs in der ersten Stunde große Erwartungen. Neumeier betonte ausdrücklich, dass es bei den Aufsätzen weder um starre Definitionen, ein überprüfbares Richtig oder Falsch, noch um die Wiedergabe stur gepaukten Wissens gehe, sondern um Horizonte.

Jeder könne somit seinen eigenen Blickwinkel in die Debatte einbringen und dadurch den Deutschunterricht zur wahrhaft lehrreichen und dann wiederum die eigene Sichtweise bereichernden Erfahrung aufwerten. Seit die zehnte Klasse uns pädagogisch etwas mehr Leine gegeben hatte, war ich ganz versessen auf Aufsätze, hatte mich aber von dem Stoff und den Vorgaben oft eingeengt gefühlt. Als ich den Ausführungen über eigene Horizonte lauschte, schien es mir, als könnte das schlimmste Gefängnis meiner wund geträumten Jugend seine Tore öffnen: meine Stummheit.

Doch obwohl Neumeier sich auch leidenschaftlich gegen die Kollegen wandte, die auch in Gedichten nach einer doch nie existierenden einzigen Wahrheit suchten, stritt ich mich mit ihm schon bei der ersten Interpretation.

 

Das Karussell

(Jardin du Luxembourg)

 

Mit einem Dach und seinen Schatten dreht

Sich eine Weile der Bestand

Von bunten Pferden, alle aus dem Land,

das lange zögert, eh es untergeht.

Zwar manche sind an Wagen angespannt,

doch alle haben Mut in ihren Mienen;

ein böser roter Löwe geht mit ihnen

und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,

nur dass er einen Sattel trägt und drüber

ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge

Und hält sich mit der kleinen heißen Hand,

derweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf Pferden kommen sie vorüber,

auch Mädchen helle, diesem Pferdesprunge

fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge

schauen sie auf, irgendwohin, herüber-

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,

und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.

Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,

ein kleines kaum begonnenes Profil-.

Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,

ein seliges, das blendet und verschwendet

an dieses atemlose, blinde Spiel …

Die Neonlampen surrten, während ich zum ersten Mal seit Langem freiwillig meinen Aufsatz vorlas. Als ich danach wieder aufsah, merkte ich, dass Neumeier mit gekreuzten Armen noch um eine Bewertung rang und offensichtlich andere Gedanken erwartet hatte. Er rutschte auf seinem Lehrertisch herum, legte den Kopf auf die Seite, verzog die Lippen und murmelte etwas Unverständliches. Schließlich stand er auf, trat ein paar Schritte nach vorne und fragte in die Klasse:

„Hat jemand das anders?“

Hastig schnellten einige Finger in die Höhe, Neumeier rief eine sichere Kandidatin in Poloshirt und Brille auf und bekam auch prompt seine gewünschte Betrachtung über die weise Einsicht, dass die Kindheit nicht ewig dauert. Irgendwann steigt man eben aus der Sandkiste, geht in die Schule und tauscht Teddybären gegen Schreibhefte und den ganz großen Ernst des Lebens.

Nach diesem Aufsatz nickte er erleichtert. Unwiderleglich hörten Kinder auf mit dem Karussell fahren. Das war Einsicht und Analyse, die Horizonterschließung im wissenschaftlichen Sinne, und er wollte mehr davon, ließ zwei weitere Aufsätze verlesen und sah sich nach konsequenter Wiederholung darin bestätigt, dass das mit der Kindheit wirklich irgendwann vorbei sei, manchmal früher, manchmal später. Er lächelte neckisch zu den drei weiblichen Aufsatzweisen hinüber und fügte an, dass es wohl kein Zufall sei, dass gerade das Mädchen dem Spiele fast schon entwachsen sei.

„Jungen sind ja öfter die Spätzünder, das ist wohl leider so, nicht wahr, Christine?“

Er zwinkerte in die Runde und kramte in seiner Tasche herum, um zum nächsten Thema überzugehen Doch obwohl sich anscheinend auch in diesem Fall die Dämlichkeit deutlich auf der männlichen Seite räkelte, meine Meinung also von weiblicher und dazu noch empirisch sicher gestellter Reife widerlegt worden war, meldete ich mich trotzdem, da ich noch nicht verstanden hatte, was so Skandalöses an seinem Aufsatz sei, dass man darüber anscheinend kein Wort verlieren konnte.

Ich sah im Karussell die Kindheit auch abstrakt symbolisiert, als etwas, das man in irgendeiner Form lange oder vielleicht sogar sein ganzes Leben mit sich trug, als Erinnerung, als Sehnsucht und als immer wieder gefühlte Ahnung; als aufgelebter Schatten dieses einfachen Zaubers, der all die weißen Elefanten und all ihre Glückseligkeit dem Vergessen für Momente wieder entriss und das Leben damit einhüllte.

Man überwand doch die Kindheit nicht einfach. Alle verdrängten Träume und Fantasien leuchteten auch weit später manchmal Heil versprechend in den grauen Lücken der Tage auf. Das Erwachsenwerden wurde gewünscht und wieder verwünscht. Der Lauf der Zeit wurde verflucht und alles Vergangene golden verklärt aus dem Halbdunkel der Erinnerung gezerrt, so dass vielleicht sogar nur in Ausnahmefällen auch noch der letzte Rest dieser Welten, jeder rote Löwe und jeder weiße Elefant, restlos ausgelöscht wurde.

Auch für das Kind wurde das Karussell erst in der Begeisterung und in dem Bunten seiner Vorstellung zu diesem atemlosen, blinden Spiel. Es existierte nicht per se, sondern stand als Metapher für Unbeschwertheit und Glück. Für all das, was jeder irgendwann einmal suchte und was manchmal so schmerzlich in den immergleichen Bahnen des Erwachsenendaseins vermisst wurde, dass das Karussell, das Irreale seiner Farbenwelt zur wahren Vorstellung von Leben aufstieg.

Vielleicht bezog sich das nur auf die Momente nostalgischer Lebensformen, die mit der Flasche am Hals und der Wirklichkeit längst entfremdet noch einmal von der Wärme dieser Bilder eingeholt wurden, bevor er sich endgültig tot soffen. Schließlich entstand aber auch das absolut Sichtbare dieser Welt in unserer Vorstellung, und die Bewertung jedes Moments erschuf eine Scheinrealität aus Erinnern, Vergessenwollen, Erschließen und Hoffen, so dass es unwahrscheinlich klang, wenn nur die finalen Momente abstruser Lebensformen zu wirklicher Fantasie und Transformation befähigten. Wie traurig wäre das Leben ohne Fantasie? Wie sinnlos die Kunst ohne das kindlich-Naive und wie seltsam die Vorstellung, dass Rilke über etwas so bewegt und rührend schrieb, wenn der bunte Schatten dieses Sehnens in ihm selbst gar nicht mehr existieren durfte?

Kurzum, mir schien es, als würden sich manche Menschen nie ganz von diesen Karussellwelten lösen können, aber Neumeier beharrte in seiner mühsam formulierten Stellungnahme darauf, dass es bei dem Karussell absolut und ausschließlich um die Beendung der effektiven Kindheit ging. Rechthaberisch erklärte er die Kindheit zum Passdelikt und brach damit seine eigenen obersten Prinzipien, obwohl er eigentlich nur meine Meinung als fernere Deutung des Gedichtes, als Horizont, als andere Sicht auf die Dinge hätte zulassen müssen.

Auch mein letztes Argument, demzufolge auch Teenager wahre Meister von schneeweißen, um sich kreisenden Luftschlössern waren, ließ Neumeier nicht zu. Es offenbarte aber die Brisanz dieser minutenlangen Auseinandersetzung: Ich kämpfte deswegen so um die Zulässigkeit meiner Sichtweise, weil auf eine bescheuerte aber wichtige meine ganze Welt darin verborgen lag. Achselzucken gegenüber der Lehrermeinung, die Einwilligung in das bereinigte Schema hätte in dem angepriesenen Spiel der Horizonte den Verlust meines eigenen bedeutet. Und die Vorstellung, dass ich es aus der Sicht Neumeiers spätestens im Alter von elf Jahren versäumt haben sollte, die Konstruktionen meiner Gedanken als wertlos bis nicht existent anzuerkennen, versah mich mit einem Gefühl unerbittlicher und unüberwindbarer Einsamkeit.

Vielleicht war ich damals schon derjenige, der sich tot soff und die Flasche für die immer wieder letzten Momente einer längst irreal gewordenen Empfindung an den Hals setzte, weil ich mich in der Realität verlaufen hatte. Vielleicht hatte ich meine eigene Welt im gedachten Jenseits weggeschlossen und brauchte die Farben, die Aufrichtigkeit der Begeisterung und die Fantasieländer, in denen ich mir die Welt zu etwas Glücklichem zurechtträumte, wie die Luft zum Atmen. Was es auch sein konnte, wegen irgendetwas war ich schon länger schief gewickelt. Durch meinen Aufsatz hatte ich mir gewissermaßen Absolution der Meinung erhofft, dass diese Mechanismen der eigenen Rettung nicht nur in dem Suizid gescheiterter Personen oder dem unerreichbaren Land der Kinder ihre Realität finden, sondern auch zum gleichsam gesunden Teil der Vorstellung gehören dürfen, ohne dass darin zwingend etwas Abgehobenes gesucht werden müsste.

Doch die Hoffnung auf einen geöffneten Himmel, auf Klärung der Geschichte, wandelte sich in die Gefahr, dass Himmel und Geschichte beide verloren gingen, weil es sie im eigentlichen Sinne nie gegeben hatte. Gedichte entstammen Vorstellungen und wenn es also absolut nicht sein konnte, dass sich meine Vorstellung in der Vorstellung eines anderen widerspiegelte, war ich selbst widerlegt.

Genauso wie ich später Stiller, Steppenwolf und das Licht um Bölls Billardkugeln war und in meinen Aufsätzen um ihre Existenz im Realen kämpfte, stritt ich auch bei Rilke darum, ob es mich so geben konnte, wie ich mich selbst empfand, und ob eine innere Ersatzwelt, wie die meine auch andere empfinden konnten. Wenn die Antwort nein lautete und alle Gesten mich in meiner Identitätsfindung bremsen konnten, war ich im wahrhaftigsten Sinne allein. Dann gab es streng genommen nicht einmal mich selbst.

Der schnelle Beginn des Schweigens …

Irgendwann sagte Neumeier angesäuert, dass er sich viel länger mit der Materie beschäftigt habe und daher wisse, wie das Gedicht zu deuten sei. Ich hatte ihn noch fragen wollen, ob er tatsächlich so viel älter war, als er aussah, da er das ja offensichtlich mit Rilke selber hatte klären können. Stattdessen verzog ich mich bloßgestellt in mein stilles Exil und blieb dort auch all die Jahre, da schon beim nächsten Gedicht, Hölderlins „Hälfte des Lebens“, zur Vermeidung von Horizontdiskussionen von Neumeier und allen anderen Musterschülern vorher festgelegt wurde, worum es diesmal gehen würde.

Deutlicher als mir lieb war, hatte ich registriert, dass meine Meinung ganz entgegen der Proklamation nicht gefragt war. Mit täglich wachsender Migräne begrub ich die Hoffnung auf Ausdruck und Verständnis und versuchte in der Folgezeit, meine weißen Elefanten vor der Analyse der anderen Genies zu retten. Ich hörte mir ihre Ausführungen an und wusste nach zwei weiteren Beiträgen in der nächsten Stunde genauer als es mir recht war, dass ich jedes Mal, wenn jemand zu lesen begann, bedenkenlos 10- 20 Minuten schlafen konnte.

 

 

LetzteTage des Sommers

Die Ortschaft, aus der ich komme, lag südlich vor Kiel und hatte um die 16.000 Einwohner. In arbeitssamen Jahrhunderten hatte sie sich einigen Ruhm als Schusterstadt erworben. Unter wahren Kennern inoffizieller geschichtlicher Gegebenheiten galt sie als die nördlichste Bastion, über die die von dichtem Wald und Moor zermürbten Römerlegionen nicht hinausgekommen waren. Vom Limes aus hatten sie sich an wilden Barbaren, Mücken und allerlei anderem Getier in Richtung dänischer Südsee vorgekämpft, aber an der Schwentine war Schluss, obwohl die Ortschaft an einer Furt errichtet worden und der Wasserlauf ohnehin nicht mehr als ein Rinnsal war.

Wer die römische Schmach nicht dem Heroismus der hiesigen Laienbevölkerung zuschreiben wollte, die die mediterrane Berufsarmee allein mit Schusters Rappen in die Flucht geschlagen hatte, und damit solche Anekdoten völlig zu Recht dem Reich der Legenden zuordnete, konnte sich immerhin darauf berufen, dass Werners Mechaniker Ölfuß sich viel später hier angesiedelt hatte. Das machte zwar nicht viel her, dafür stimmte es.

Wahren überregionalen Rum erlangte Preetz wahrscheinlich nur durch „Sauf in den Mai“ bei Kirsch Kowalewski. Raufereien hatten im Dorfleben mit seinen Scheunenfesten und Feuerwehrgelagen seit jeher ihren festen Platz und um den ersten Mai herrschte allerorts besondere Alarmbereitschaft. Bei Kowalewski gab es jedes Jahr aber ein so großen Hallo, dass das örtliche Krankenhaus einen Shuttle-Service einrichtete und die Krankenwagen ab 22.00 Uhr bis zum bitteren Ende im halbe-Stunden Takt fuhren. Wo anderorts die Bauerfäuste als ehrenhafte Bewaffnung ausreichten, rissen die Treckerkapitäne an diesem Abend lieber ganze Zaunlatten aus der Erde, um sie großmäuligen Umstehenden über die Birne zu zimmern.

Ich muss zugeben, dass ich jedes Mal einen Bogen um diese Festivität gemacht habe. Als ich einmal nachmittags die Plantage besuchte, war die Stimmung unter Dorffrauen und den Insassen der Kaffeefahrten in der großen Gastro-Scheune aber so ausgelassen, dass ich mir die Eskalation unter den jüngeren Semestern lebhaft vorstellen konnte. Viel später hörte ich von Sylt aus im lokalen Radio, dass der Besitzer der Plantage wegen Steuerhinterziehung jahrelang in den Knast musste. Um die Branntweinsteuer zu umgehen, hatte er das überaus hochprozentige Kirschgesöff als harmlosen Likör verkauft und riskiert, dass selbst der Genuss des Kuchens die gierigeren Hausfrauen vom Hocker kegelte; von den armen Bauern, die sich den Teufelsschnaps literweise reinzogen, ganz zu schweigen.

Meine Schule lag am äußersten Zipfel jener Ortschaft und wurde nur durch eine Straße vom Park an der Schwentine, dem Wehrberg, getrennt. Das pittoresk von Schilf und Feldern flankierte Flüsschen, an dem die Römer angeblich zum Scheitern verdammt worden waren, floss durch den ortsnahen Kirchsee an der alten Konservenfabrik direkt am Park vorbei und mündete nur wenige hundert Meter vom Park entfernt in den größeren Lanker See.

Der Lanker war ein sehr provinzielles Gewässer, flach und schlammig. Umgeben von Feldern, Galloway-Weiden und Waldstücken. Der Umstand, dass immer mal wieder Jugendliche auf dem Rückweg von den Inseln ertranken, lag am Grad der Trunkenheit der Schwimmer und dem Umstand, dass es dort nachts in Ermangelung irgendwelcher Lichter oder Laternen dunkel wie in einem Hühnerarsch war. Wenn man ohne Vollbesitz der geistigen Kräfte zu den für Badegäste und juvenile Suffköppe gesperrten Naturschutzinseln schwamm, konnte man leicht die Orientierung verlieren.

Aus Kinderaugen betrachtet war der Lanker auch wegen dieser Begebenheiten ein ehrfurchteinflößender Gigant, auf dem hinter den Möweninseln möglicherweise eine von Windwellen zerfurchte See begann. Ein Fabelmeer, in dem ich umso mehr alles für denkbar hielt, als man vom Ufer aus nicht das Geringste hinter den Inseln erkennen konnte; nicht einmal Wasser.

Da der dichte Bewuchs des Wehrbergs von der Schule aus keinen Einblick auf die sich zum See herab wellenden Wiese in seiner Mitte zuließ, verbrachten wir viele unserer Freistunden und Wochenenden dort. Zwischen dem Gefallenendenkmal der Weltkriege auf dem kleinen Hügel und dem Seeufer lag ein halb verfallener Pavillon, den wir liebevoll „Tempel“ nannten und als Refugium okkupierten. Auf dem reichlich beschnitzten Geländer sitzend verbummelten wir saufend unsere Nachmittage. Auf seinem Dach versteckten wir uns vor der Horde rechter Idioten, wenn sie dem Wehrberg einen ihrer ungeliebten Besuche abstatteten und uns zu jagen begannen.

Der Anlass für diese Jagd begründete sich hauptsächlich darin, dass kaum einer von ihnen für sein Leben eine Perspektive sah. Sie waren zwischen 20 und 30, arbeitslos, teilweise drogensüchtig und gelangweilt. Außerdem besuchten wir allesamt das Gymnasium, und das wies uns in den Augen dieser schweren Kerls eindeutig als linksradikale Intellektuelle aus. Keiner von ihnen, mit Ausnahme ihres Anführers, konnte sortiert artikulieren, warum sie sich rechtsradikal nannten und worin die Eckpunkte ihrer politischen Gesinnung bestanden. Der ganze Umfang ihrer politischen Bildung basierte auf den beiden Weisheiten, dass die Türken ihnen die nicht vorhandenen Arbeitsplätze wegnahmen und dass Adolf Hitler aus unsagbaren Gründen ein Vorbild sei.

Obwohl die meisten von uns den örtlichen Jugendclub mieden, den die schweren Jungs zu ihrem Clubhaus erkoren hatten, kannten wir die meisten von diversen Konfrontationen. Wir brauchte ihre Nähe nicht zu suchen, sie suchten zur Genüge unsere. Anfangs hatten wir sie dabei noch in Diskussionen verstrickt, bis ich einmal den stumpf und finster zuhörenden Dumpfbacken erklärt hatte, dass Betriebe wie die große Kieler HDW-Werft und die Wirtschaft allgemein sofort zusammenbrächen, wenn man wirklich die Türken außer Landes jagte. Daraufhin hatte sich ein Typ mit halsloser Ringerstatue genähert, mir den Arm auf die Schulter gelegt und mit dem anderen auf den Lanker gezeigt. Von der Flussmündung aus erstreckte sich zur Linken das von Schilf bewachsene Ufer des Lanker Sees. Am rechten Ufer umrahmten Waldstücke die Badestelle und die alte Fischerei, und in der Mitte des Sees lagen, umflogen von riesigen Möwenschwärmen, die beiden Naturschutzinseln.

„Das sieht doch alles schön aus“, begann der Halslose mit bedeutsamer und grotesk gönnerischer Miene, als wäre er ein verdammter Quiz-Show-Moderator vor der Verkündigung des Hauptpreises. Ich roch seinen fauligen Atem und fragte mich, welche Tinktur ihn an diesem Tag redselig gemacht hatte, da er sonst immer nur mit demonstrativ geballter Faust und finsterem Gesichtsausdruck in der Ecke stand. „Jetzt stell dir einmal vor, da würden auf den Inseln jetzt so Hochhäuser und Asylantenheime gebaut werden und die Türken würden auf den Dächern tanzen. Würdest du dann nicht auch mit uns sein?“

Er sah mir triumphierend in die Augen und wartete unter dem zustimmenden Grunzen seiner Kumpels auf meine Kapitulation, da ihm seine Argumentation ungemein entlarvend vorkam. Irgendwie lag er damit sogar verdammt richtig, da ich soviel Dummheit nichts entgegenzusetzen hatte.

Seit diesem Tag hatte keiner von uns mehr einen Versuch unternommen, mit den selbsternannten „White Devils“ zu reden. Wenn sie auftauchten, stiegen wir lieber schnell auf das Dach des Pavillons. Dort hatten wir unsere Ruhe, da die selbsternannten „Devils“ um Längen zu fett waren, als dass sie dort hätten hochklettern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.