Am 14.09. erscheint endlich das zweite Buch von Berlin Metropolis »Todesgruß vom Meisterkiller«. In den nächsten Tagen werde ich zum Release und den Aktionen noch einiges schreiben. Hier enthülle ich erst einmal den Buchanfang für Euch. Ich hoffe, es macht Lust auf mehr …

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Die Fratze im Palast

Tag 1

22.06 Uhr

Vor dem Palast der Republik

Kulissenstadt Mauerberlin Ost

Als der Mafia-Pate, Luschkow, um kurz nach 22.00 Uhr auf dem leeren Vorplatz des Palastes der Republik in Ost-Berlin aus der dunklen Limousine stieg, fiel Schnee vom tief stehenden Aprilhimmel. Während der ganzen Fahrt durch die Kulissenstadt war es diesig gewesen, nun zog sich der feuchtgraue Vorhang noch enger um die vier gepanzerten Autos der eilig aufgestellten Eskorte zusammen.

Zwei seiner Leibwächter standen mit Kalaschnikows im Anschlag auf der anderen Wagenseite bereit und erwarteten Luschkows Befehle. Sie waren spät dran, doch Luschkow ließ sich Zeit. Er legte den Kopf in den Nacken und ließ die Flocken auf die faltige Haut seines Gesichts fallen. Er hatte 72 Stunden nicht geschlafen. Der Schnee gab ihm für Momente das Gefühl, klar und fokussiert zu sein.

Luschkow versuchte, sich zu erinnern, was er gedacht hatte, als vor fast zwei Wochen die Eilmeldung von Kanzler Söderbergs Tod über alle Nachrichtenschirme der Stadt geflimmert war. Er hatte Zeit mit Old-Fashioned-Drinks vergeudet und mit einer Entscheidung gerungen. Tagelang hatte er sich in seiner Villa im Berliner Westen verschanzt und seine Zuversicht mit Kokain und jungen Frauen im Whirlpool des unterirdischen Sondertrakts gestärkt. Er hatte die Gewinne seiner Casinos eigenhändig gezählt und seine Waffenkammer um ausgefallene Exponate vervollständigt. Lange hatte er widerstanden, irgendwann aber doch zum Telefonhörer gegriffen, um das Verhandlungsangebot des Mannes anzunehmen.

Als auf dem Vorplatz des Palastes nun die Türen der benachbarten Limousine aufgingen und weitere Männer ihre Gewehre in Position brachten, gab er den beiden Leibwächtern ein Zeichen. Zusammen liefen sie die weiten Treppen hinauf in den Palast und über das Marmormosaik des Foyers. Auf der Empore bekämpfte er den Impuls, sich umzudrehen. Er war Valentin Luschkow, der Herrscher über das Märkische Viertel und über die Kulissenstädte. Der Triumphator über die Chaosjahre nach der Großen Katastrophe, denen er ab 2033 zusammen mit Kanzler Söderberg seinen Stempel aufgedrückt und der Hauptstadt damit zu neuer Blüte verholfen hatte. Auch der Palastnachbau war seine Schöpfung, trotzdem kam ihm das Gebäude in dieser Nacht feindlich vor. Schatten lösten sich aus der Dunkelheit der Treppenaufgänge, und hinter jeder Säule lauerten weitere.

Ohne es zu merken, verschärfte Luschkow das Tempo. Vor dem großen Plenarsaal stießen seine beiden Leibwächter die Flügeltüren auf und wichen mit schussbereiten Kalaschnikows in die Saalflanken aus. Luschkow blieb stehen, lehnte sich gegen die Wand und versuchte, Atem zu schöpfen.

Geschmolzener Schnee tropfte von seiner knorrigen Bauernnase auf den nachtblauen Stoff seines Maßanzugs. Sein Cashmere-Mantel klebte an seinem Nacken, und zum ersten Mal seit langer Zeit roch er das Stigma seiner Kindheit: die Angst. Der Vater hatte oft so gerochen, wenn er aus der Fabrik heimgekommen war. Generell hatte der Gestank von Angst und Demütigung damals schlimmer über ganz Petersburg gehangen als der Qualm der brennenden Abfälle in den Vorgärten.

Von ihrer Wohnung im grauen Vorort Kuptschino mit seinen Endlosreihen aus identischen Plattenbauten zu den prunkvollen Kathedralen und Palästen der Innenstadt waren es nur 30 Minuten, aber beide Orte waren Welten voneinander entfernt. Mehr als einmal nahm Luschkow den Feuerhaken des Vaters in Kauf und fuhr mit der überfüllten Metro zum Fluss Newa im Zentrum Petersburgs. Er setzte sich ans Ufer und sah über das Wasser zum mächtigen Gebäude der Eremitage hinüber. Hinter ihm fuhren Touristen in mit Gold beschlagenen Kutschen durch die sonnige Stadt. Reiche Kids machten Selfies vor ihren Stretchlimos. Der kleine Luschkow sah ihnen rauchend zu, rückte die geklaute Offiziersmütze auf dem kleinen Kopf zurecht und schwor sich auf seinen baldigen Aufstieg ein, um irgendwann doch nach Kuptschino zur von Wodka angestachelten Wut des Vaters zurückzukehren.

Seit einer Ewigkeit hatte Luschkow nicht mehr an seine Kindheit im ehemaligen Russland gedacht. Er hatte niemandem mehr etwas beweisen müssen, aber der Mord am jungen Kanzler Söderberg keine zwei Wochen zuvor hatte alles verändert. Dreizehn Attentatsversuche hatten Luschkow weder seine Gesundheit noch seine Entschlossenheit nehmen können. Er hatte den Reichen und Mächtigen der Stadt Zucker und den Armen die Peitsche gegeben. Zusammen mit Söderberg hatte er alle sozial Schwachen und Flüchtlinge im Märkischen Viertel eingesperrt oder in den beiden Kulissenvierteln vor der Stadt zu lebenden Komparsen gemacht. Viele hatten ihn offen angefeindet, aber er hatte allen Arbeit gegeben. Die ganze Stadt hatte an seinem Puls gehangen, und er redete sich ein, dass ein Mann wie er unmöglich die Kontrolle verlieren konnte.

Als seine Männer zurückkehrten, stieß Luschkow sich von der Wand ab und schalt sich einen Narren. Alles war wie gewünscht. Er würde sich mit dem Feind verbrüdern und es würde keine Zeugen geben. Luschkow gab den Leibwächtern ein Zeichen und trat allein auf die Bühne, ging am Rednerpult unter Hammer und Sichel vorbei in den kleinen Raum dahinter und setzte sich auf die steinerne Bank unter dem Bauerngemälde. Nachdem die Albträume zu schlimm geworden waren, hatten die Drogen ihn tagelang vor dem Schlaf bewahrt, nun verlor er den Kampf fast umgehend.

Nach kurzem Traum schreckte er auf und blickte in die Narbenlandschaft eines grauenhaften Gesichtes. Er wollte schreien und davonlaufen, blieb aber vor Panik wie gelähmt sitzen. Während ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat, überlegte Luschkow, wie viele Jahre er den Mann vor sich nicht mehr gesehen hatte. Es lag so lange zurück, dass es auf einmal plausibler wirkte, noch im Schlaf gefangen zu sein, als tatsächlich von ihm bedroht zu werden. Hier im nachgebauten Palast der Republik auf der anderen Seite des Touristen-Kulissenviertels Mauerberlin, abgeschirmt von einer halben Armee, die Tür, Vorplatz und die Seitenstraße sicherte, ihn aber nicht davor bewahrte, in diesem kleinen Zimmer sein Ende zu finden.

Luschkow fühlte den kühlen Lauf der russischen Automatikpistole an der Wange und zuckte zusammen, als der Mann mit der anderen Hand die Ampulle hob. Faule Süße wie von vergorenen Äpfeln füllte den Raum aus.

Fast augenblicklich lösten sich Luschkows Gedanken von den Schmerzen. Mit abgespreizten Armen fiel er zu Boden und sah zum Mann mit dem entstellten Gesicht hinauf. Er versuchte zu sprechen, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Schmerz fuhr ihm in die Eingeweide. Brennend wie der Feuerhaken des Vaters in Kuptschino. Schrecklich wie das Gespenst seiner Herkunft, das ihn bis zur Stunde seines Todes verfolgte. Das ihn lautlos schreien ließ, als die Fratze vor ihm sich auf einmal veränderte und Luschkow verstand, warum er sterben musste.

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