Noch immer bin ich im Tunnel und arbeite am Text, aber langsam lichtet sich das Dickicht. Ich habe den gesamten Mittelteil durcheinandergewürfelt. Ich habe gekürzt, Kapitel gestrichen und neue geschrieben. Ich denke, dass das Buch gewonnen hat und ich die angesprochenen Probleme beseitigt habe. Aber mal sehen, was Daniele sagt 😉

Zu den anderen Sachen wie Covererstellung und Marketing gibt es auch Neuigkeiten, aber der Text steht noch im Vordergrund. Außerdem habe ich mir mal wieder eine Halsentzündung eigefangen und muss mir die Kraft gerade besonders gut einfangen.

Und Kraft braucht man für so ein Werk. Mir ist erst in den letzten Monaten bewusst geworden, wie sehr ich mit den Genreklischees breche. Berlin Metropolis ist anders als die meisten Thriller und Krimis auf dem Markt, aber ich sehe immer noch großes Potential. Was abschreckend wirken kann, kann auch anziehend sein. Z.B. verknüpfe ich die Krimihandlung mit einer fantasy-artigen Abenteuerreise zweier Teenies. Das Buch ist vielschichtiger und feiner gewebt, als man es gewohnt ist. Es gibt ohnehin mehrere Handlungsstränge und man muss etwas warten, bis alle im Endspiel zusammenfinden. Hoffen wir, dass das Buch die Leser so verzaubern kann, dass sie bis dahin bei der Stange bleiben …

Um Euch eine Vorstellung von der Handlungslinie der beiden Jungen Levy und Manolo zu vermitteln, poste ich heute ein entsprechendes Kapitel. Samt Illustration von Hye Jin.

forest_007

2. Im wilden Wald

Tag 3

02.58 Uhr,

Am Wilden Wald

Normalberlin

Als Damian zurückkehrte, überreichte er Manolo wortlos eine Tüte. Der Junge öffnete sie und ließ die Scheine durch die Finger gleiten. Er nickte zufrieden, dann krallten sich die Finger des anderen Mannes wie Adlerklauen in seine Schulter. Unsanft schob Sam ihn in Richtung der Hallen. Wie unbeteiligt trottete Levy neben den beiden her. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Damian nur die Gefahren geschildert hatte, die von den Grenzbefestigungen ausgingen, den Wilden Wald und seine Unwägbarkeiten aber außen vor gelassen hatte.

»Was machen wir eigentlich, wenn wir auf Genwölfe treffen?«, fragte er leise. Sam schob Manolo schweigend weiter auf den Zaun zu, der bizarr gestaltet über fünf Meter vor ihnen in die Höhe schoss. »Ich meine, ihr könnt ja nur von uns profitieren, wenn wir heil zurückkommen.«

Sam betätigte einen Knopf an einer Fernbedienung und wartete, bis ein flaches Gefährt von der Halle aus auf sie zu glitt. Erst als es vor ihnen stehen geblieben war, wandte er sich zu Levy um.

»An eurer Stelle würde ich auch eher keinen Wölfen begegnen, also seht lieber zu, dass ihr schnell durch kommt. Sind ja auch nur ein paar Kilometer.« Er kramte in seiner Tasche herum und gab Manolo einige Kapseln. »Und wenn sie euch tatsächlich einkreisen oder angreifen, werft ihr ein paar von den Dingern auf den Boden. Es gibt keine Garantie, dass es funktioniert, aber den Geruch können sie nicht ausstehen, so viel ist sicher.«

»Woher weißt du das?«, fragte Manolo.

»Was glaubst du denn, Dreikäsehoch? Schließlich seid ihr nicht die einzigen, die ab und an in den Wald gehen. Also bildet euch nicht zu viel darauf ein.«

Er reichte Manolo das Döschen und macht sich an dem flachen Gefährt zu schaffen. Dann drückte er ein paar Knöpfe und ließ eine Plattform ausfahren. Er ließ sie auf Bodennähe sinken und zeigte darauf.

»Das ist unser fliegender Teppich. Ihr steigt jetzt da auf und wenn ihr so blöd seid, wieder runterzufallen, schlage ich euch eigenhändig die Ärsche blau. Egal, ob Damian euch noch braucht oder nicht. Das gleiche gilt für jeglichen Versuch, das Gerät mitzunehmen. Steigt einfach auf der anderen Seite wieder ab und zieht Leine.« Er wartete bis sie aufgestiegen waren. »Nehmt auf der anderen Seite eure Beine in die Hand und folgt dem roten Punkt. Wenn ihr leise seid und etwas Glück habt, kommt ihr ohne Probleme durch.«

Er drückte auf die Fernbedienung und ließ die Plattform aufsteigen. Langsam glitten sie in die Höhe. Der Blick reichte nun über die Lagerhallen bis zu den ersten Siedlungsbereichen der Stadt, aber keiner von beiden sah in diese Richtung. Beide starrten nur auf den dichten schwarzen Wald, dessen Wipfel im Wind rauschten, als würden sie sie willkommen heißen.

Sie überquerten die Hakenabwehrsysteme an der Spitze des Zaunes und sanken auf der anderen Seite wieder hinab. Drüben stiegen sie vom Board ab und ehe sie sich versahen, schwebte es wieder über den Zaun. Grußlos sammelte Sam es ein und verschwand grußlos in der Dunkelheit.

Im Nachtwind fröstelnd wandten sie sich um. Der Wald vor ihnen sah dicht aus. Die Bäume waren hoch und reich verästelt, am Boden wuchsen Farne.

»Glaubst du den Scheiß mit den Monsterwölfen?«

»Du nicht?«, fragte Levy und starrte in den Wald. Manolo zuckte mit den Achseln.

»Weiß nicht, meine Schulbildung war anders. Über so etwas haben wir nie gesprochen.«

»Aber du hast davon gehört?«

»Klar und vom Satan auch, aber beide habe ich noch nie gesehen. Weder in Mauerberlin noch woanders.« Er schob sich eine Zigarette in den Mund und starrte ins Dickicht. »Mutationen bei Tieren gab es sicher. Während der Großen Katastrophe ist aller möglicher Mist hier von Polen eingefallen und rübergeweht worden. Für keine Knete der Welt würde ich mein Gesicht in den Sand da pressen.«

Zum ersten Mal seit langem dachte Levy daran, was sie tun sollten, wenn sie nicht von Wölfen zerfleischt oder am Zaun gegrillt werden würden.

»Kennst du dich da drüben eigentlich aus?«, fragte er leise.

»Im Märkischen?«

Levy nickte.

»Ich bin immerhin dort aufgewachsen, ein paar Dinge werde ich also noch wiedererkennen. Aber komm jetzt. Ich glaube zwar nicht an all die Märchen über diesen Wald, aber ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, eines Besseren belehrt zu werden. Außerdem können auch normale Wölfe richtig Hunger haben.«

Vorsichtig näherten sie sich dem Waldrand. Die Farne wuchsen so dicht, dass sie erst nicht wussten, welchen Weg sie einschlagen sollten, dann entdeckten sie den kleinen Trampelpfad und setzten sich in Bewegung. Nach einer Weile prüfte Manolo den roten Punkt auf dem Display.

»Wer sagt´s denn. Der Weg scheint genau auf den Punkt zuzuführen. Los weiter!«

Levy eilte ihm nach. Er dachte an die Horrorgeschichten über die Anarchisten und Staatsfeinde, die in diesen Wäldern um Freiheit und Überleben kämpften und in jedem Eindringling einen Spitzel vermuteten. Angeblich war der ganze Wald so mit Aggressivität vollgesogen, dass selbst die Eichhörnchen einem das Gesicht abnagten, wenn man zu lange stehenblieb.

Levy hielt das für Schauermärchen, aber schon jetzt schweißnass war er gebadet. Er bemüht sich, leise aufzutreten und horchte in den Wald. Überall raschelte es. Als ein Schrei durch die Nacht hallte, stöhnte er auf und blieb stehen. Hinter ihm lachte Manolo meckernd in der Dunkelheit auf.

»Das war eine Eule, Hasenfuß», raunte er. »Wenigstens das habe ich in Bio noch lernen dürfen.«

Levy wusste, wie eine Eule klang und fragte sich, ob die Droge seiner Wahrnehmung immer noch einen Streich spielte oder ob Manolo zu sorglos war. Nach einer Weile höre er wieder das Geheul. Es klang wie ein Wolf, aber er war bereit, es für eine Eule zu halten. Unsanft prallte er auf Manolo, der vor ihm stehengeblieben war.

»Das war jetzt wirklich ein Wolf.«

Manolos Stimme klang rau, auf einmal waren die Waldgeräusche lauter. Das Geraschel kam zudem von allen Seiten zugleich. Die Farne verbargen Wolfsaugen. Wenigstens kam es Levy auf einmal so vor.

»Und jetzt?«

Manolo fasste nach dem Döschen in seiner Hosentasche und spuckte ins Unterholz.

»Jetzt halten wir die Fresse und sehen zu.«

Wortlos eilten sie weiter. Das Geheul mehrte sich, es kam tatsächlich von allen Seiten. Anscheinend kreisten die Wölfe sie ein. Die beiden Jungen sahen sich an und rannten los. Levy musste Manolo an den roten Punkt erinnern, aber sie waren noch auf dem richtigen Weg. Hinter jeder Wegbiegung und in jedem Dickicht vermuteten sie die Wölfe, aber kein Tier zeigte sich.

Als sie nach einer letzten Biegung tatsächlich Lichter im Unterholz sahen, sprinteten sie los und blieben keuchend am Waldrand stehen. Hastig umschloss Manolo die Dose und warf sie ins Dickicht, dann entspannte er sich. Er trat näher an die letzte Baumreihe heran und sah auf die fernen Hochhäuser und das kahlgeschlagene Land davor. Den himmelhohen Zaun auf halber Strecke des Todesstreifens, der aus dieser Perspektive unüberwindbar aussah wie eine verdammte Staudammmauer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.